Warum die "Spiegelbest-Affaire" gut in mein Konzept passt.
Wen mein Konzept nicht interessiert, der kann sich ja auf die letzten vier Absätze beschränken. Die sind tagesaktuell.
Vorausschicken möchte ich, dass ich hier ausschließlich meine eigene Meinung vertrete. Innerhalb des Qindie-Korrektivs bin ich nur eine Stimme von vielen. Meine Zielsetzung ist klar definiert, von eigenem Interesse geprägt und lässt sich mit einem einzigen Wort umschreiben: Es geht mir um die SICHTBARKEIT meiner Werke.
Als Selfpublisher, der auch gelesen werden will, ist man immer darauf angewiesen, dass der Titel eine gewisse Präsenz auf dem Markt hat. Der potentielle Leser muss die Chance haben "zufällig" auf ein Buch von mir zu stoßen, das ihn interessiert, was bei einem Zigtausender-Ranking aber kaum gelingen wird. So bleibt das Buch letztlich unentdeckt, ungekauft und ungelesen.
Öffentlichkeit muss hergestellt werden, und eine ständige Erreichbarkeit muss gegeben sein! Heute macht man das mit Homepages, Blogs und Produktseiten. Schön, wenn man das alles hat, aber am Problem hat sich nicht wirklich was geändert. Die Kernfrage lautet nun, wie meine Webpräsenz entdeckt werden kann. Wünschen würde ich mir eine Suchmaschine, die bei der Eingabe von "gutes buch" direkt Treffer für "Michael Stuhr" anzeigt, aber das wird wohl ein Traum bleiben. Jetzt habe ich also nicht nur etliche Bücher, sondern auch noch einige tolle Webpräsenzen, die niemand finden kann.
Werbung kann hier ein Ausweg sein. Mein persönlicher Vorteil ist, dass ich aus der Branche komme, und wer mich schon kennt, der wird zwangsläufig bemerkt haben, dass ich meine Titel und Präsenzen permanent auf verschiedenen Plattformen sichtbar halte. Dabei hilft mir ein locker gestricktes Netzwerk von KollegInnen, die ich meinerseits ebenso unterstütze. Natürlich gibt es auch AutorInnen, die solch eine Zusammenarbeit mit mir nicht wünschen, aber das stellt sich ja sehr schnell heraus. Wer nicht möchte, dass meine LeserInnen auf seine Titel aufmerksam gemacht werden, der empfiehlt mich halt nicht weiter, und die Sache hat sich.
Damit wäre schon mal eine Teillösung herbeigeführt. Ein kleiner Pool von Autoren, die die Werke aller Beteiligten für die Leser sichtbar - also auffindbar, kaufbar, lesbar - halten, ist ja keine schlechte Sache. Noch bieten wir aber alle unsere Ware auf einem riesigen Marktplatz an, auf dem Texte wirklich aller Qualitätsstufen zu finden sind. Darauf will ich hier gar nicht weiter eingehen, aber jeder, der in der Branche aktiv ist, hat bestimmt schon mal ein paar eBooks angelesen, die er aus den verschiedensten Gründen nicht so toll fand.
Da ich nicht nur Autor, sondern auch Leser bin, habe ich mich mehr als einmal über unausgereifte Texte geärgert, die in den Shops ernsthaft zum Kauf angeboten werden. Als Autor ärgert es mich umso mehr, weil meine sauber lektorierten Titel auf den ersten Blick nicht von Veröffenlichungen zu unterscheiden sind, die bestenfalls den Ansprüchen an ein Rohmanuskript genügen. Die AutorInnen, die einen gewissen Qualitätsanspruch an sich selbst haben, werden das nachfühlen können.
Ein weiterer Schritt war es für mich, mit offenen Karten zu spielen. Zumindest auf neobooks ist es möglich, die Leseproben auf 30% zu setzen. Somit haben potentielle LeserInnen die Möglichkeit, sich mit meiner Schreibe vertraut zu machen. Wer dann immer noch nicht weiß, ob das Buch ihm gefällt, tja, dem kann ich dann auch nicht mehr helfen.
Das Problem für den potentiellen Leser besteht aber nach wie vor: Es gibt ein ermüdend großes Angebot, und die Gefahr, dass die Suche verärgert beendet wird ist groß. Da wäre es doch praktisch, wenn es auf dem Markt einen abgeteilten Bereich gäbe, in dem nur Ware gehandelt werden kann, die die üblichen Qualitätsstandards erfüllt.
An dieser Stelle wurde Qindie für mich interessant, also entschloss ich mich, meine Werke dort anzubieten, wo sie hingehören: In einem Pool ordentlich lektorierter Bücher, der das Enttäuschungslevel der Interessenten möglichst niedrig hält. Das Qindie-Portfolio ist mittlerweile beachtlich, und wer innerhalb seines Interessengebiets in den Titeln stöbert, wird dort auf Texte stoßen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind gut lesbar und - und da schließt sich der Kreis - sie sind SICHTBAR!
Selbstverständlich gibt es viele Spitzentexte auf dem eBook-Markt, die sich aber den Platz mit nicht so gelungenen Werken teilen müssen. Ebenso gibt es bei Qindie Texte, die mir nicht so gut gefallen, weil sie halt nicht für mich geschrieben sind. Eines gibt es jedoch nicht: Es gibt keine schlechten Texte im Qindie Sortiment (Ich habe jedenfalls noch keinen gefunden). Das ist der Grund, der mich bewogen hat, dort Mitglied zu werden, und das Schönste ist: Jeden Monat kommen etliche neue Autoren mit ihren Büchern dazu. Der Pool wird also immer größer, und mit jedem neuen Titel wird die Auffindbarkeit meiner Bücher weiter verbessert.
Zur "Spiegelbest-Diskussion"
Einziger Aufreger in dem knappen halben Jahr meiner Mitgliedschaft war für mich die aktuelle Diskussion über Buchpiraterie unter Einbeziehung eines Insiders der Szene. http://www.qindie.de/was-hat-ein-buchpirat-den-autoren-zu-sagen-kolumne/ Da kam mir dann mein westfälisches Naturell zugute, das mich vor übereilten Handlungen schützt. Zwar ist der Beitrag des umstrittenen Referenten in meinen Augen nicht sonderlich zielführend, aber die daraus resultierende Diskussion hat zumindest die Problematik ein wenig besser ausgeleuchtet. Möglicherweise ergibt sich daraus ja mal was Positives. Die Abschaffung des gewerblichen eBook-Diebstahls wird es wohl nicht sein, aber wer weiß ...
Ansonsten ist der gewerbliche Datendiebstahl inklusive illegaler Weiterverbreitung der Inhalte nicht mein größtes Problem. Die wirklich Betroffenen spielen allesamt in einer anderen Liga, da die Nutzer illegaler Buchdownloads eher auf Bestsellerfang aus sind. Da darf ich mich in aller Bescheidenheit als nicht so sehr betroffen einstufen. Zwar habe ich einen schönen Kreis von LeserInnen, aber zu den Spitzenplätzen in den Top-Rankings ist es noch ein ziemlich weiter Weg. Sollten meine Werke auf solch illegalen Plattformen angeboten werden, sind sie also auch dort kaum auffindbar, da sich kaum ein Interessent die Mühe machen wird, zig-tausende Titel zu sichten.
Damit hier kein Missverständnis entsteht: Auch wenn es mich nicht in vollem Umfang betrifft, bin ich absolut gegen die sogenannte Buchpiraterie. Eine Lösung des Problems ist für mich zwar nicht in Sicht, aber dass nach Lösungen gesucht wird ist absolut okay. Je mehr Autoren und Verleger sich Gedanken darüber machen, umso besser ist es. Zudem fördert die aktuelle Diskussion auch wieder die Sichtbarkeit von Qindie - und somit meiner Titel - und darauf kommt es mir ja bekanntlich an. Da bedauere ich es doch fast, dass der umstrittene Gastschreiber, der sich selbst als "Troll der Trolle" sieht, und für den "Flaming" erst den richtigen Eventcharakter in eine Diskussion bringt, wohl bald das Interesse verlieren wird, sich mit so einer relativ gesittet auftretenden Truppe abzugeben.
Was den Nutzeffekt der Diskussion zur Sache angeht, sieht die Bilanz zurzeit doch eher mau aus. Der revolutionärste Vorschlag sieht vor, einen Pool zu bilden, in den die Leser einen Pauschalbetrag einzahlen. Dieser Topf soll dann unter den Autoren verteilt werden, und zwar anhand von den LeserInnen zu verteilender Sternchen. - So wie bei den Rezensionen etwa, wo sich echte Begeisterung ebenso in Besternungen niederschlägt, wie gekaufte oder erbettelte Bewertungen. - Was für eine Idee! Ich finde eigentlich, dass das Gebalge um die Rezensionssternchen schon reicht, und wenn es dann erst um Geld geht ... schaue ich mir das Drama natürlich auch an - mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand.
Mit einem herzlichen Gruß an alle KollegInnen
Micha
www.michaelstuhr.de
www.thriller-fantasy-leseprobe.de
Donnerstag, 24. Oktober 2013
Freitag, 11. Oktober 2013
Wie alles begann ...
Schreibers Wahn
Einst wollt ein Schreiber Lyrik machen
er wollte, dass die Menschen lachen
und lieben, und an Schönes denken
er wollt sie hin zum Guten lenken
doch sperrten sich die Worte sehr
wohl passten sie so ungefähr
doch niemals passten sie so richtig
und gerade das war doch so wichtig
der Schreiber feilte daran rum
er schrieb sich gar die Finger krumm
beschnitt den Text um manches Stück
gab dann dem Satz den Sinn zurück
er wollt der Welt doch so viel geben
die Quintessenz, den Sinn, das Leben
er tauschte Silben und auch Verben
das Epos durfte ihm nicht sterben
und so entfloss ihm Reim um Reim
wie zäher, transparenter Schleim
ganz ohne Formen und Kontur
was dachte sich der Arme nur?
Nach Tagen eifrigen Bemühens
ließ endlich nach die Kraft des Glühens
ernüchtert sah der Schreiber an
was er in seinem Wahn getan
vernichtete das Werk sofort
und sprach das unvergessne Wort:
Jetzt mach ich Prosa! Basta!
Und was es da so gibt, ist in www.thriller-fantasy-leseprobe.de zu finden.
Einst wollt ein Schreiber Lyrik machen
er wollte, dass die Menschen lachen
und lieben, und an Schönes denken
er wollt sie hin zum Guten lenken
doch sperrten sich die Worte sehr
wohl passten sie so ungefähr
doch niemals passten sie so richtig
und gerade das war doch so wichtig
der Schreiber feilte daran rum
er schrieb sich gar die Finger krumm
beschnitt den Text um manches Stück
gab dann dem Satz den Sinn zurück
er wollt der Welt doch so viel geben
die Quintessenz, den Sinn, das Leben
er tauschte Silben und auch Verben
das Epos durfte ihm nicht sterben
und so entfloss ihm Reim um Reim
wie zäher, transparenter Schleim
ganz ohne Formen und Kontur
was dachte sich der Arme nur?
Nach Tagen eifrigen Bemühens
ließ endlich nach die Kraft des Glühens
ernüchtert sah der Schreiber an
was er in seinem Wahn getan
vernichtete das Werk sofort
und sprach das unvergessne Wort:
Jetzt mach ich Prosa! Basta!
Und was es da so gibt, ist in www.thriller-fantasy-leseprobe.de zu finden.
Samstag, 5. Oktober 2013
"Die Hornisse"
Als kleines Sonntagsgeschenk: Eine komplette Story aus dem Kurzgeschichtenband
"DIE NACHT DER ENGELSTRÄNEN"
DIE HORNISSE
Hätte
ich nicht meine Krawattennadel verloren, wäre alles nicht passiert!
Eigentlich
hätte ich zufrieden sein können. Endlich war die Zeit der
finanziellen Misere vorbei. Der Job war zwar nicht optimal gelaufen,
aber immerhin hatte ich ungestört das Lösegeld kassieren können.
Eigentlich
ist es Unsinn, die Schuld auf die Krawattennadel zu schieben. Das
Blag war schuld! Hätte der blöde Bengel sich nicht irgendwie aus
den Fesseln gewunden und sich die Pflasterstücke von den Augen
gezogen, könnte er heute noch leben.
Er
hatte mein Gesicht gesehen.
Aber
das war noch nicht einmal das Schlimmste. Er hatte sich in dem
Lagerraum umgesehen, in den ich ihn gesperrt hatte. Überall waren
Kartons gestapelt, auf denen meine komplette Firmenadresse stand.
Auch das wäre noch zu ertragen gewesen, weil der Knirps mit drei
Jahren noch nicht lesen konnte; aber er hatte auch die Ware gesehen.
Ich
handele mit Designertelefonen, die kein Aas kaufen will. Überall
standen Apparate in den unterschiedlichsten Formen und Farben herum.
Wenn der Bengel zu Hause ausplauderte, was der fremde Onkel für
viele, tolle Klingelings hatte, konnte ich mir ausrechnen, was
geschehen würde.
Als
ich mit dem Geldkoffer in der Hand ins Lager kam und das Licht
anmachte, saß der Bengel ohne Fesseln auf seiner Matratze und
glotzte mich mit zusammengekniffenen Augen an. Es war mir sofort
klar, dass er genug gesehen hatte, um mich ans Messer zu liefern.
Dabei hatte ich ihn gerade in meinen Wagen packen und irgendwo
aussetzen wollen. Pech!
Ich
habe das Bürschen dann wieder gefesselt und verpflastert. Diesmal
gab's auch einen breiten Streifen Leukoplast über den Mund. Dann
habe ich eine Decke in den Kofferraum meines Wagens gepackt und den
Kleinen dort eingesperrt.
Glauben
Sie nur nicht, dass ich mir die Entscheidung leicht gemacht habe. Ich
habe wirklich eine volle Stunde lang überlegt, wie ich den Bengel am
humansten von der Welt schaffe. Ich hätte ihn ja auch erwürgen
können oder mit einem Kissen ersticken. Aber das ist alles sehr
unangenehm. Das wollte ich ihm einfach nicht zumuten.
Also
habe ich mir die Arbeit gemacht, ihn zu erschießen. Arbeit deswegen,
weil es ziemlich viel Dreck macht. Es spritzt! - Sie wissen schon was
ich meine, nicht wahr?
Zum
Glück gibt es bei uns in der Nähe ein Naturschutzgebiet. Ich kenne
dort eine Ecke in die kaum jemand kommt. Dort habe ich dann meine
.22er rausgeholt, die ich mit zweihundert Schuss Munition mal von
einem Kumpel gekauft habe. Damit habe ich dem Bengel das Lebenslicht
ausgepustet. Er hat garantiert nichts davon gemerkt.
Etwas
schwieriger war schon das Eingraben. Ich hatte mir selbst zur Auflage
gemacht, das Loch wegen der Füchse wenigstens anderthalb Meter tief
zu graben. Keine leichte Sache, wenn man nur einen Klappspaten hat.
Schließlich war es dann so weit. Ganz vorsichtig hatte ich die
Leiche hineingleiten lassen, obwohl das ja gar nicht nötig gewesen
wäre. Aber ich bin nun mal recht feinfühlig, da kann man nichts
machen.
Als
ich das Loch wieder zugeschaufelt hatte, war von dem Grab so gut wie
nichts mehr zu sehen. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich einige
Blutspritzer auf meiner linken Hand hatte. Sie ließen sich aber ganz
leicht abwischen. Dann zog ich den erdbehafteten Overall aus, den ich
bei dieser Aktion getragen hatte, und warf ihn auf der Heimfahrt in
einen Autobahn-Mülleimer. Einzig die Schuhe bedurften einer
gründlichen Reinigung, was aber auch kein Problem darstellte.
Die
nächsten Tage verbrachte ich damit, das Lösegeld auf eventuelle
Manipulationen hin zu untersuchen. Es schien damit aber alles in
Ordnung zu sein. Ich hatte mir sogar eine UV-Leuchte und verschiedene
Chemikalien beschafft, stellte aber bei keiner Banknote eine Reaktion
fest. Offenbar hatten meine Partner sich an die Anweisung gehalten,
nur saubere Scheine zu liefern. Ob Sie es glauben oder nicht, es tat
mir direkt Leid, dass ich den Kleinen nicht hatte zurückgeben
können.
Vorsichtig,
wie ich bin, hatte ich mir dann einige Hunderter genommen und war in
die übernächste Großstadt gefahren. Dort hatte ich in den großen
Kaufhäusern lauter kleine Teile eingekauft. Das Wechselgeld, das ich
nun für meine Hunderter erhielt, war absolut sauber. So machte ich
am ersten Tag viertausendsechshundert Euro Reingewinn. Clever, nicht?
Am
Abend merkte ich dann, dass meine Krawattennadel fehlte.
In
der ganzen Aufregung hatte ich mich ein wenig vernachlässigt. Ich
bin sonst sehr ordentlich und sauber, das können Sie mir glauben. So
gehe ich zum Beispiel nie ohne Krawatte aus. Und zur Krawatte gehört
immer eine passende Krawattennadel! Ich habe vierzehn Stück davon,
die alle auf einem kleinen Samtkissen in meinem Schlafraum stecken.
Allerdings nicht in Reih und Glied. Sonst wäre mir das Fehlen der
einen, speziellen, bestimmt eher aufgefallen.
Die
folgenden zwei Tage waren die Hölle! Immer wieder durchsuchte ich
alle Ecken und Winkel, in die die Nadel hätte rutschen können. Kein
Möbelstück blieb an seinem Platz, kein Kleidungsstück, das ich
nicht mehrmals durchsucht hätte. Ohne Erfolg. Die Nadel war und
blieb verschwunden. Auch im Fahrzeug und in der Firma war nichts zu
entdecken. Als ich endlich sogar den Beutel des Staubsaugers
erfolglos untersucht hatte, wurde mein erster spontaner Verdacht zur
Gewissheit. Die Nadel lag wahrscheinlich im Grab des Bengels, draußen
im Naturschutzgebiet.
"Na,
und?“, werden Sie denken. "Es gibt Millionen Krawattennadeln.
So ein Ding ist kein Beweis!" Da muss ich Ihnen Recht geben.
Allerdings nur im Allgemeinen. Mein spezieller Fall sah da schon
etwas anders aus. Es handelte sich nämlich um ein ganz besonderes
Exemplar.
Einer meiner Lieferanten hatte zu Weihnachten letzten
Jahres Krawattennadeln in Form eines winzigen Telefons an die Händler
verschenkt. Und als besondere Aufmerksamkeit trug jede davon die
Initialen des Beschenkten! Alles klar?
Ich
jedenfalls wusste, was ich zu tun hatte. Nun bin ich, wie bereits
erwähnt, ein recht sensibler Mensch. Horrorfilme und solchen Kram
mag ich überhaupt nicht. Spätestens wenn die Helden sich zwecks
Exhumierung um Mitternacht um ein Grab versammeln, schalte ich um
oder schaue woanders hin.
Jetzt
stand mir also dasselbe bevor, nur dass es an der richtigen Besetzung
mangelte. Normalerweise gehören zu so einer Aktion ja wenigstens
drei Leute: Ein Professor der Medizin, ein Kommissar und ein
Geistlicher. Dazu kommen dann noch zwei Totengräber, die die
Drecksarbeit machen. Ich dagegen musste aus begreiflichen Gründen
auf jede Unterstützung verzichten.
Der
Gedanke, die Leiche auszugraben, war mir zutiefst zuwider. Nahezu
verzweifelt durchsuchte ich nochmals Wohnung, Firma und Fahrzeug.
Aber die Nadel tauchte nicht wieder auf. Dann musste es eben sein!
Zehn
Tage, nachdem ich mit dem Jungen dort gewesen war, fuhr ich wieder
zum Naturschutzgebiet hinaus. Als Geschäftsmann kann ich mir meine
Arbeitszeit ja einigermaßen einteilen, also wählte ich den
Dienstagmorgen. Früh um sieben war ich mit Klappspaten und
Gummihandschuhen ausgerüstet bei dem Grab. Wie ich es mir gedacht
hatte, war es unberührt und weit und breit war keine Menschenseele
zu sehen.
Kurz
spielte ich mit dem Gedanken, Nadel Nadel sein zu lassen und meiner
Wege zu gehen. Andererseits stand zuviel auf dem Spiel. Sollten die
Füchse die Leiche doch noch wittern und ausgraben, hätte ich
verdammt schlechte Karten, das wusste ich genau. Also musste ich die
Nadel aus dem Grab holen, oder mich wenigstens vergewissern, dass sie
auch dort nicht war. Ich hoffte sehr, dass ich sie schnell fand,
vielleicht sogar in den oberen Erdschichten. Ich hatte absolut keine
Lust, den Bengel wiederzusehen, schon gar nicht nach zehn Tagen. Ich
habe in meinem Wochenendhaus mal vergessen, ein Hähnchen
einzufrieren. Es war Sommer. Als ich nach sechs Tagen wieder dorthin
kam ... Mir dreht sich heute noch der Magen um!
Ein
Summen im nahen Gebüsch lenkte mich kurz ab. Ein großes Insekt
schien dort herumzuschwirren. Es war aber nicht zu erkennen.
Ich
räumte das Gestrüpp, das ich zur Tarnung über das Grab gelegt
hatte, zur Seite und fing an zu graben. Die Arbeit ging gut voran.
Das Wetter war trocken gewesen, und die Erde war leicht. Ich
versuchte, mich auf die Erdbrocken auf dem Spaten zu konzentrieren,
vielleicht entband mich ja ein verräterisches Glitzern von der
weiteren Arbeit, da kam wieder dieses Summen aus den Büschen neben
mir. Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie eine
außerordentlich große Hornisse im dichten Blätterwerk verschwand.
Eilig
grub ich weiter. Ich bin kein großer Insektenfreund, und wenn die
Biester auch noch stechen, hört für mich der Spaß endgültig auf.
Nach einigen Minuten spürte ich, wie der Boden unter meinen
Spatenstichen zu federn begann. Jetzt senkte ich das Werkzeug
vorsichtiger und flacher in das lockere Erdreich.
Immer
wieder schaute ich auf. Die Hornisse wollte einfach nicht
verschwinden. Jetzt stand sie knapp außerhalb meiner Reichweite
summend in der Luft und schien mich zu beobachten. Ich habe mal
gehört, dass drei Hornissenstiche einen Menschen töten können.
Langsam wurde ich nervös. Überall im Gebüsch hörte ich es jetzt
brummen. Das musste ein ganzer Schwarm sein, der hier irgendwo sein
Nest hatte. Ärgerlich warf ich einen Spaten voll Erde nach dem
Biest. Es sollte endlich verschwinden. Geschickt wich das Tier aus.
Plötzlich
knackte es unter meinen Füßen und die Erde gab nach. Mit einem
leisen Aufschrei sah ich, wie sich die Erde vor meinen Füßen zu
heben begann. Der Oberkörper des Jungen bohrte sich wankend durch
die Oberfläche. Heute weiß ich, dass ich vermutlich sein Becken mit
meinem Gewicht in eine Mulde gedrückt hatte, aber damals glaubte ich
doch tatsächlich, der Bengel wolle aufstehen und nach mir greifen.
Scheußlich sah er aus, ungelogen! Augen und Mund noch von Pflastern
bedeckt, wirkte er wie ein unfertiger, ungeborener Mensch; wie ein
halb verwester, erdiger Embryo, der mich mit seinen verklebten Augen
vorwurfsvoll anstarrte.
Ich
schäme mich nicht, zu gestehen, dass mir bei diesem Anblick das Herz
in die Hose rutschte. Mein empfindliches Gemüt macht mich nicht
gerade geeignet für solche Aktionen. Genau in diesem Moment spürte
ich einen Stich im Nacken, der sofort in einen brennenden Schmerz
überging. Einen so rasenden Schmerz, wie ich ihn vorher nicht für
möglich gehalten hätte. Sofort war meine linke Halsseite wie
gelähmt.
Die
Hornisse! Das Mistvieh hatte mich gestochen! Mit einem Aufschrei
sprang ich aus dem Grab heraus und die Leiche des Jungen sank wieder
zurück in den krümeligen Boden.
Wieder
ein Stich! Diesmal in die Hand, die ich schützend in das Genick
gelegt hatte. Drei Stiche können einen Menschen töten! Überall um
mich her summte und brummte es. Der Schmerz machte mich halb blind.
Ich ließ Grab Grab und Nadel Nadel sein und rannte! Rannte mit
tränenden Augen und schmerzverzerrtem Gesicht zu meinem Wagen,
hinter mir das schreckliche Summen der Hornissen. Keuchend schlug ich
die Autotür hinter mir zu. Ich war gerettet! - Meinte ich.
Den
Rest des Tages verbrachte ich damit, die Stiche zu kühlen und mir
Sorgen wegen des offenen Grabes zu machen.
In
der Nacht machte ich mich wieder auf den Weg. Mein Hals und meine
Hand taten immer noch teuflisch weh, aber ich musste das Grab wieder
ordentlich verschließen.
Ohne
suchen zu müssen, fand ich die Stelle auch in der Dunkelheit sofort
wieder. Das Licht des vollen Mondes half mir dabei, und als ich mich
auf dem Weg vom Wagen zum Grab kurz orientierte, zog eine einzelne
Sternschnuppe ihre einsame Bahn am Himmel. Hatte mal jemand gesagt,
das seien die Seelen der Kinder, die zu früh gestorben sind? Ich
wusste es nicht. Ehrlich gesagt war ich ziemlich verwirrt und konnte
kaum noch einen klaren Gedanken fassen.
Am
Grab war alles noch so, wie ich es verlassen hatte. Einige Meter von
dem Loch entfernt lag der Spaten noch genauso da, wie ich ihn
fortgeworfen hatte. Tief in der Erde wurde das, durch die Pflaster
seltsam glatt wirkende, Gesicht des Jungen vom kalten Mondlicht
beschienen.
Hastig
nahm ich den Spaten auf und begann, wieder Erde auf den kleinen
Körper zu schaufeln. Mir war jede Lust vergangen, mich weiter mit
dem Grab und der Leiche zu beschäftigen. Sie wissen ja, ich bin für
so etwas nicht wirklich gut geeignet.
Gut
die halbe Arbeit war getan, als ich plötzlich aufmerkte. Da war ein
Geräusch in den Büschen: - Ein dumpfes Brummen, so als würden sich
tausende von Hornissen zu einem Angriff sammeln. Aber das war
unmöglich. Hornissen fliegen nicht in der Nacht.
Vor
Anstrengung keuchend wuchtete ich einen Spaten voll Erde nach dem
anderen in das Loch, als ich undeutlich die Silhouette einer
Riesenwespe vor meinem Gesicht schweben sah. Voller Panik schlug ich
mit der Hand danach, verfehlte sie aber. Ein kurzes Krabbeln unter
meinem rechten Auge und ein Stich, wie von einer glühenden Nadel
schleuderten mich förmlich fort von dem Grab. Überall auf meinem
Körper fühlte ich nun Insektenbeine. Zwanzig, dreißig Stiche
mussten es jetzt schon sein.
Drei
Stiche können einen Menschen töten? Ich weiß es besser! Hunderte
von Stichen habe ich ertragen müssen, auf dem Weg zum Wagen, und
jetzt sind es schon Tausende. Die Viecher gehen einfach nicht mehr
weg von mir.
Ich
weiß es jetzt! Sie sind nicht echt! Es gibt keine Hornissen, die
nachts fliegen. Es gibt auch keine Hornissen, die ein fahrendes Auto
verfolgen und durch die geschlossenen Scheiben kommen. Es gibt ganz
bestimmt auch keine Hornissen, die zu hunderten aus Wänden wachsen
und über Menschen herfallen. Sie sind nicht echt, aber ihre Stiche
sind es! - Nein, auch die nicht. Es fehlt das Gift! Wären diese
Viecher wirklich giftig, wäre ich seit über zwei Tagen tot. Ich
soll nur die Stiche spüren und die Schmerzen erleiden. Das ist es,
was mir bestimmt ist: Leiden ohne Hoffnung. Schmerzen ohne Ende!
Ich
habe einen Entschluss gefasst: Es ist mir egal, ob das Grab jemals
entdeckt wird. Ich werde mich selbst töten! Seit ich diese
Entscheidung gefällt habe, lassen sie mich in Ruhe. Nur eine von
ihnen schwebt mitten im Raum und beobachtet, wie ich hier mein
Geständnis niederschreibe. Nur wenn ich versuche, sie hereinzulegen,
wird sie die anderen wieder holen.
Ist
es nicht lustig? Eben habe ich die Waffe aus ihrem Versteck geholt,
gereinigt, geölt und neu geladen. Ich möchte keinesfalls, dass das
gute Stück aus irgendeinem Grund versagt. Dabei habe ich etwas
bemerkt, was mir vorher nie aufgefallen war: Es ist wirklich ein
Witz. Raten Sie doch mal, was auf der Munitionsschachtel steht. Mit
was für einer Kugel ich den Jungen erschossen habe? Was für ein
Projektil es sein wird, das mein Gehirn in tausend Stücke reißt?
Ich hoffe, dass ich den letzten Akt nicht auch noch versaue, weil ich
immer wieder Lachanfälle bekomme. Die Bezeichnung der Patronen ist:
.22lfb HORNET! Witzig, nicht?
Und die nächste Story? Die gibt es unter:
und bei allen anderen Buchshops im Internet.
"DIE NACHT DER ENGELSTRÄNEN", subtiler Horror für den Nachttisch.
Freitag, 20. September 2013
Prolog "Das Geschenk"
Liebe(r) LeserIn,
vermutlich Bist du hier, weil du mysteriöse Stories magst, und da ist dieses Buch, das ich zusammen mit Christiane Weller geschrieben habe, vielleicht das Richtige für dich.
Hier also der Anfang von "Das Geschenk", dem ersten Teil der "silent sea"-Trilogie.
PROLOG
Wie
immer wusste er, dass es ein Traum war, aber schon das erste Bild
erzeugte eine solche Panik in ihm, dass er verzweifelt versuchte,
aufzuwachen.
Es
würde nicht gelingen. Es konnte nicht gelingen, weil es nie gelang.
Die Bilder würden an ihm vorbeirasen, wie ein Schnellzug in voller
Fahrt, und es war sinnlos, erwachen zu wollen, bevor der letzte
Waggon vorbeigerauscht war.
Er
war den Bildern völlig ausgeliefert. Er kannte sie alle, aber das
machte es nicht besser. Er wusste, wie der Traum zu Ende gehen würde.
Er kannte das letzte Bild, das er fürchtete, wie nichts sonst auf
der Welt: Das Bild, auf dem er sich in Adrianos Griff wand und
zurückschaute in den sonnendurchfluteten Garten, wo sich die
Strahlen der Sonne vieltausendfach in der leicht gekräuselten
Wasserfläche des Pools brachen.
Es
begann wie immer ganz friedlich: Er schwamm allein im Pool. Obwohl er
erst fünf Jahre alt war, war er ein ausgezeichneter Schwimmer und
durfte schon lange allein ins Wasser. Eigentlich war das immer schon
so gewesen. Er konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass seine
Eltern ihm je das Schwimmen verboten hätten – außer in
Gesellschaft natürlich.
Waren
Fremde in der Nähe, durfte er nicht ins Wasser. Seine Eltern hatten
ihm erklärt, dass er so gut schwamm, dass die Fremden neidisch und
ärgerlich werden könnten, wenn sie ihn im Wasser sahen, aber auch
da gab es Ausnahmen. Es gab nämlich einerseits die Fremden, vor
denen man nicht angeben durfte, und dann gab es da auch noch die
Menschen vom Alten Bund. Mit deren Kindern durfte man im Wasser
spielen, und das machte dann auch richtig Spaß.
Was
die Fremden so unter Schwimmen verstanden, war für den Jungen
sowieso uninteressant. Das war kaum mehr als ein müdes Geplansche,
und sie waren auch viel zu schnell erschöpft. Die vom Alten Bund
dagegen waren stark und es machte Spaß, sich mit ihnen im Wettkampf
zu messen.
In
seinem Traum war das Wetter immer schön, und unter all seiner Panik
spürte er den Frieden des Augenblicks, das Salzwasser des Pools, die
Sonne auf der Haut, die Ruhe ringsum.
Die
bis zum Boden reichenden Terrassenfenster waren geöffnet, und leise
Musik drang aus dem Haus. Es war ein Augenblick ungetrübten Glücks,
ein unvergesslicher Moment, besonders hervorgehoben durch die
Katastrophe, die gleich unausweichlich folgen musste.
Mit
kraftvollen Bewegungen durchschnitt er das Wasser wie ein Delfin,
tauchte ab, umrundete das Becken unter Wasser, und als er auftauchte,
war sie da.
Er
hatte es vorher gewusst, dass dieses kleine Mädchen am Beckenrand
stehen würde, aber er erschreckte sich trotzdem jedes Mal. Sie hatte
ihn beobachtet, als er getaucht war und das durfte eigentlich nicht
sein. Hoffentlich hatte sie nicht bemerkt, dass er viel zu lange
unter Wasser geblieben war. So lange, wie sie selbst es niemals auch
nur ansatzweise schaffen würde.
Hatte
sie es bemerkt? Es schien nicht so. Sie stand nur am Beckenrand und
sah ihn mit tränenfeuchtem Gesicht an. Sie hatte irgendeinen Kummer.
Er kannte das Mädchen vom Sehen. Der schwarze Haarschopf, die
gebräunte Haut und das winzige, orangerote Bikinihöschen waren
unverkennbar. Es war die Tochter der Nachbarn, die er hin und wieder
aus dem Fenster seines Zimmers im ersten Stock gesehen hatte. Sie
hatte in etwa sein Alter, aber sie hatten noch nie ein Wort
miteinander gesprochen.
Betont
langsam schwamm er auf die Leiter zu, aber trotzdem bildete sich vor
seiner Brust eine Welle, die sich teilte und als hoch aufgewölbtes
Dreieck aus Wasser und Lichtreflexen den ganzen Pool durchzog. Das
Mädchen bemerkte es nicht. Die Kleine war ganz in ihrem Kummer
gefangen und starrte mit leeren Augen über die Wasserfläche.
Der
Erwachsene in ihm wollte ihr zurufen, dass sie weggehen sollte, ihm
nicht zu nahe kommen, sich in Sicherheit bringen; aber er musste
hilflos zusehen, wie der Junge in seinem Traum den Griff der Leiter
erfasste und sich aus dem Wasser zog.
Das
Mädchen sprach nicht. Das tat es nie, aber trotzdem wusste er, warum
es hergekommen war: Der neue Hund der Kleinen war plötzlich
gestorben und es waren nur die Dienstboten im Haus. Mürrische,
ungeduldige Leute die sich weder für den Welpen noch für das Kind
interessierten. Ihre Eltern waren unterwegs und sie hatte dort keinen
Trost finden können, darum war sie über die Mauer geklettert, hin
zu dem Nachbarjungen, den sie hier entdeckt hatte.
Unschlüssig
stand der Junge am Rand des Pools und sah das Mädchen an. Er war so
erzogen worden, sich nicht zu sehr mit Fremden einzulassen, und
dieses hübsche, kleine Mädchen war ganz ohne Zweifel eine Fremde,
das konnte er sofort erkennen. Aber sie war doch ungefährlich, so
klein, wie sie war. Sie musste ungefährlich sein, denn sie war vor
der Gleichgültigkeit im eigenen Haus in seinen Garten geflohen, um
seinen Trost und seinen Schutz zu suchen. Und sie war sehr traurig.
Stand einfach nur da und sah ihn mit ihren großen, dunklen Augen an,
die immer noch in Tränen schwammen.
Der
Junge spürte, wie allein und hilflos sie war. Sie wollte sich bloß
bei einem menschlichen Wesen ausweinen. Sie suchte seine Nähe und
sein Mitgefühl, und auf einmal war alles ganz einfach: Mit einem
raschen Blick zum Haus vergewisserte er sich, dass niemand sie
beobachtete, machte einen Schritt auf sie zu und legte ihr einen Arm
um die Schultern.
Die
Kleine atmete mit zitternden Lippen ein und legte scheu ihren Kopf an
seinen Brustkorb. Sie war wirklich klein. Ihr Kopf reichte ihm gerade
mal bis zum Kinn.
Er
spürte ihr tränenfeuchtes Gesicht auf seiner Haut und wie ihr
schmaler Körper unter kleinen Schluchzern vibrierte. Er zog sie ein
wenig dichter an sich heran, weil sie ihm unendlich Leid tat, wie sie
sich so an ihn lehnte und leise weinte. Irgendetwas in ihm gab nach
und wurde plötzlich ganz weich. In einer schützenden Geste legte er
auch noch den anderen Arm um sie und hielt sie fest.
Jetzt
kam der Traum zu der Stelle, wo der Geist des Jungen den Körper kurz
verließ. Er erhob sich ein Stück weit über die Szene und sah die
beiden Kinder eng umschlungen auf dem Rasen an der Kante des Pools
stehen. Für einen Moment war das hier der Mittelpunkt der Welt. Eine
Oase der Ruhe, des Trostes und der unschuldigen Zuneigung. Kurz
schwebte er über dem friedlichen Bild und sank wieder in den Körper
des Jungen zurück.
Etwas
hatte sich verändert.
Das
tröstende Gefühl, das er ihr hatte geben wollen, war weit in den
Hintergrund getreten und er spürte, dass die innige Berührung ihm
selbst genauso gut tat wie ihr.
Er
gab nicht nur, er konnte auch nehmen. Diesem völlig unerwarteten
Überfluss an Wohlgefühl konnte er nicht widerstehen. Es war so, als
würde er ein Geschenk erhalten, als würde das Mädchen ihm ihre
ganze Kraft und Energie schenken, und er begann zu nehmen. Er spürte,
wie ihre nackte, sonnenwarme Haut mit seiner zu verschmelzen schien.
Er spürte wie die Energie, die sie ihm gab, in seinen Körper
überströmte. Eigentlich hatte er sie nur trösten wollen, und jetzt
das! War das die Belohnung dafür, wenn man sich gütig zeigte, und
warum gab es dann das Verbot, sich mit Fremden abzugeben? Es war so
ein gutes, übermächtiges Gefühl. Was konnte daran schlecht sein?
Er
wollte mehr davon. Seine Arme umschlangen das Mädchen fester. Es gab
nach und es war, als würde der Fluss der Energie zu einem gewaltigen
Strom anschwellen. Er schloss die Augen. Machtvoll und unaufhaltsam
ergoss sich dieses neue, unglaubliche Gefühl in seinen Körper, und
er wollte mehr davon, immer mehr. Um nichts in der Welt wollte er
dieses Mädchen je wieder loslassen.
Langsam
ebbte der gewaltige Strom ab, wurde zu einem Fluss, einem Bach, einem
Rinnsal, aber es war immer noch erregend und schön.
Er
verstand es nicht, als er plötzlich Hände auf seinen Schultern
spürte, die versuchten, ihn gewaltsam von dem Mädchen zu trennen.
Er wehrte sich und hielt weiter fest. Er wollte auch noch den letzten
Tropfen aus dieser wunderbaren Quelle genießen. Er spürte, wie
etwas in seinen Armen zerbrach. Es fühlte sich an, als habe er ein
dürres Bündel Holz zu stark an sich gepresst. Er öffnete die Augen
und ließ los. Das Mädchen glitt zu Boden. Eine kräftige Hand
schloss sich um seinen Oberarm und riss ihn von der Kleinen fort,
bevor er sie noch einmal hatte ansehen können.
Es
war sein Cousin Adriano, und er ging alles andere als sanft mit ihm
um. Schnell und gewaltsam wurde er zum Haus geschleift, so sehr er
sich auch wehrte, aber auf der Schwelle zum Salon gelang es ihm doch,
sich noch einmal kurz umzudrehen.
Seine
Mutter hatte sich auf den Rasen gekniet und die Hände vor das
Gesicht gelegt, während sein Vater sich auf ein Knie herabgelassen
hatte und fassungslos auf das aschgraue Bündel starrte, das zwischen
ihm und seiner Frau lag.
Was
konnte das sein, und wo war nur das Mädchen geblieben? Es war fort,
und da war nur dieses kleine, dürre Etwas auf dem Rasen, das eine
entfernte Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt hatte.
Der
Vater sah zum Haus herüber. Rasch stand er auf und versuchte das,
was da auf dem Rasen lag, vor dem Blick des Jungen zu verbergen, aber
der hatte schon genug gesehen. Es war der völlig ausgedörrt
wirkende Körper des kleinen Mädchens, der in seiner grotesk
verrenkten Stellung wie eine zerbrochene Mumie wirkte. Das orangerote
Bikinihöschen spannte sich immer noch um die grau und faltig
gewordenen Hüften. Es leuchtete in der Sonne und sandte ihm ein
letztes, höhnisches Signal der Lebensfreude und der Unbeschwertheit
hinterher; aber das Letzte, was er mit seinem kurzen Blick wahrnahm,
war der kleine, graugesichtige Schädel, um den herum ganze Büschel
ausgefallener, schwarzer Haare lagen. Das Gesicht war nach oben
gewandt, und es war die Maske des Todes, die da mit blicklosen Augen
in den makellos blauen Himmel starrte.
Keuchend
wachte er auf.
Früher
war er oft schreiend aus seinem Bett hochgefahren, wenn der Traum ihn
wieder mal ereilt hatte. aber mittlerweile war er älter und hatte
sich fast an den Schrecken gewöhnt. Trotzdem raste sein Herz wie
wahnsinnig und er merkte, dass seine Hand zitterte, als er das
Deckbett zur Seite schlug und aufstand. Die grünen Leuchtziffern auf
dem Wecker zeigten drei Uhr an.
Einige
Minuten stand er am offenen Fenster und sah über die Küstenstraße
auf das Meer hinaus. Weit draußen konnte er einige Lichter erkennen.
Dort, weit vor Port Grimaud, lagen die wirklich großen Yachten auf
Reede, die im Hafen niemals Platz gefunden hätten. Wie immer waren
auch einige dabei, die Mitgliedern des Alten Bundes gehörten.
Die
Unruhe in ihm hatte sich noch nicht gelegt. Er wandte sich vom
Fenster ab und zog sich an, um das Hotel zu verlassen. Er musste
hinab zum Strand. Nur das Meer konnte die alte Schuld von ihm
abwaschen. – Für eine Weile wenigstens.
Wenn du wissen möchtest, wie es weitergeht, dann schau doch mal bei neobooks vorbei. Die Leseprobe dort umfasst satte 30% und lässt dich an der ganzen Story teilhaben, wenn auch die Zeilenabstände ein wenig gewöhnungsbedürftig sind.
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Wie auch immer: Viel Lesespaß wünscht - Michael Stuhr
Mittwoch, 18. September 2013
Konfetti
tausend bunte fetzen schweben
wie ein eingefrorner wirbel
vor dem spiegel meiner seele
wenn ich dir von mir erzähle
völlig zerissen, so schillernd und bunt
schweben sie glitzernd und täuschen den blick
würd sie dir so gern als ganzes mal zeigen
doch ein klares und einfaches bild von mir
krieg ich wohl niemals mehr wieder zurück
tausend bunte fetzen dreh'n sich
lautlos wechseln licht und schatten
schweben schon seit ewigkeiten
zeigen helle, dunkle seiten
völlig zerissen und nicht mehr zu flicken
treiben sie schillernd im scheinwerferlicht
würd' dir mein wahres ich so gerne zeigen
doch nichts passt zusammen, die risse, sie bleiben
solang', bis der spiegel einmal zerbricht
tausend bunte fetzen schweben
wie ein eingefrorner wirbel
vor dem spiegel meiner seele
wenn ich dir von mir erzähle ...
wie ein eingefrorner wirbel
vor dem spiegel meiner seele
wenn ich dir von mir erzähle
völlig zerissen, so schillernd und bunt
schweben sie glitzernd und täuschen den blick
würd sie dir so gern als ganzes mal zeigen
doch ein klares und einfaches bild von mir
krieg ich wohl niemals mehr wieder zurück
tausend bunte fetzen dreh'n sich
lautlos wechseln licht und schatten
schweben schon seit ewigkeiten
zeigen helle, dunkle seiten
völlig zerissen und nicht mehr zu flicken
treiben sie schillernd im scheinwerferlicht
würd' dir mein wahres ich so gerne zeigen
doch nichts passt zusammen, die risse, sie bleiben
solang', bis der spiegel einmal zerbricht
tausend bunte fetzen schweben
wie ein eingefrorner wirbel
vor dem spiegel meiner seele
wenn ich dir von mir erzähle ...
Ein Internetministerium?
Da höre ich heute im Radio so ganz nebenbei, dass es eine Unterschriftenaktion einer Gruppe gegeben hat, die sich für die Einrichtung eines Bundesministeriums für Internetbelange stark macht. Das finde ich sehr interessant und hätte mich u.U. auch daran beteiligt, aber irgendwie hat diese Aktion es geschafft, von mir bis heute unbemerkt zu bleiben. - Schade!
http://www.moritz-schlarb.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/Petition-Internet-Ministerium.pdf
Normalerweise bin ich ja der Letzte, der sich noch mehr Regulierung des öffentlichen Lebens wünscht. Manchmal kommt es mir so vor, als sei Manches jetzt schon überreguliert, aber das nur am Rande.
In diesem Fall ist es so, dass wir uns alle auf dem berühmten "Neuland" bewegen, und wie es Neuland nun mal an sich hat, wird hier mit einer Einstellung agiert, die der recht ähnlich ist, die einst im Wilden Westen geherrscht hat.
Zurzeit sind unsere Gerichte zunehmend verzweifelt damit beschäftigt, das jetzt schon geltende Recht auf die neuen Medien umzumünzen. Ein ehrenwertes Unterfangen, das aber jetzt schon in den Ansätzen scheitern muss, weil nationale Grenzen im Internet nur noch marginale Bedeutung haben.
Spontan fiel mir der Vergleich zum Verkehrsministerium ein. Den heutigen Betrieb auf den Straßen durch Gesetze aus der Pferdedroschkenzeit managen zu wollen, wäre ja ziemlich undenkbar. Bedenkt man, dass auf dem Daten-Highway ebenfalls täglich Millionen von Nutzern bewegen, wäre es doch wirklich keine schlechte Idee, für diese Menschen Rechtssicherheit zu schaffen. Ob es nun um die "ganz normale" Abzocke, Ausspähung oder Urheberrechtsverletzungen auf internationaler Basis geht, in all diesen Fällen hätte ein eigenes Ministerium, mit den entsprechenden Kontakten, ganz andere Möglichkeiten als die nationalen Gerichte.
Natürlich sehe auch ich die Gefahr, dass ein paar Übereifrige über das Ziel hinausschießen, und dass hier letztendlich eine Überregulierung droht, wie in anderen Bereichen auch; gerade deswegen sollte man aber die Chanche nicht ungenutzt verstreichen lassen, hier gestaltend einzugreifen. Vermeiden lassen wird sich eine weitere Regulierung auf Dauer sowieso nicht, und jetzt liegt es ein Stück weit auch an uns, dass sie wünschenswerte Aspekte abdeckt, effektiv ist und schließlich auch sinnvoll durchgeführt wird - wenn es dann mal so weit kommt.
In diesem Sinne
Frohes Schaffen
http://www.moritz-schlarb.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/Petition-Internet-Ministerium.pdf
Normalerweise bin ich ja der Letzte, der sich noch mehr Regulierung des öffentlichen Lebens wünscht. Manchmal kommt es mir so vor, als sei Manches jetzt schon überreguliert, aber das nur am Rande.
In diesem Fall ist es so, dass wir uns alle auf dem berühmten "Neuland" bewegen, und wie es Neuland nun mal an sich hat, wird hier mit einer Einstellung agiert, die der recht ähnlich ist, die einst im Wilden Westen geherrscht hat.
Zurzeit sind unsere Gerichte zunehmend verzweifelt damit beschäftigt, das jetzt schon geltende Recht auf die neuen Medien umzumünzen. Ein ehrenwertes Unterfangen, das aber jetzt schon in den Ansätzen scheitern muss, weil nationale Grenzen im Internet nur noch marginale Bedeutung haben.
Spontan fiel mir der Vergleich zum Verkehrsministerium ein. Den heutigen Betrieb auf den Straßen durch Gesetze aus der Pferdedroschkenzeit managen zu wollen, wäre ja ziemlich undenkbar. Bedenkt man, dass auf dem Daten-Highway ebenfalls täglich Millionen von Nutzern bewegen, wäre es doch wirklich keine schlechte Idee, für diese Menschen Rechtssicherheit zu schaffen. Ob es nun um die "ganz normale" Abzocke, Ausspähung oder Urheberrechtsverletzungen auf internationaler Basis geht, in all diesen Fällen hätte ein eigenes Ministerium, mit den entsprechenden Kontakten, ganz andere Möglichkeiten als die nationalen Gerichte.
Natürlich sehe auch ich die Gefahr, dass ein paar Übereifrige über das Ziel hinausschießen, und dass hier letztendlich eine Überregulierung droht, wie in anderen Bereichen auch; gerade deswegen sollte man aber die Chanche nicht ungenutzt verstreichen lassen, hier gestaltend einzugreifen. Vermeiden lassen wird sich eine weitere Regulierung auf Dauer sowieso nicht, und jetzt liegt es ein Stück weit auch an uns, dass sie wünschenswerte Aspekte abdeckt, effektiv ist und schließlich auch sinnvoll durchgeführt wird - wenn es dann mal so weit kommt.
In diesem Sinne
Frohes Schaffen
Sonntag, 8. September 2013
"Das Mädchen in Weiß"
Er
war sich nicht ganz sicher, aber das hier war bestimmt einer der
seltsamsten Tage, die er je erlebt hatte. Blöd, dass er sich an
absolut nichts erinnerte, was gewesen war, bevor er sich plötzlich
in dem nächtlichen Krankenzimmer wiedergefunden hatte. Mittlerweile
war es Tag geworden, aber noch immer hatte er nicht die geringste
Idee, was eigentlich mit ihm los war.
Seit
er hier war, schien er auch keinen Schlaf mehr zu brauchen. Er
erinnerte sich daran, die letzte Nacht auf einem Besucherstuhl und am
Fenster stehend verbracht zu haben. Es war zuerst sehr unruhig
gewesen, das war das Erste, woran er sich erinnerte. Das
Klinikpersonal hatte sich um den anderen Patienten gekümmert, der
auf dem Zimmer untergebracht war, und es war ihm so vorgekommen, als
läge der Mann im Sterben. Seltsamerweise war ihm das völlig egal
gewesen. Er hatte kaum etwas davon mitbekommen, die Situation gar
nicht richtig erfassen können. – Vielleicht hatte man ihn ja unter
Drogen gesetzt.
Was
davor gewesen sein könnte, wusste er überhaupt nicht mehr. Es
wollte nicht in sein Gedächtnis zurückkehren, so sehr er sich auch
anstrengte. Die ganze restliche Nacht hatte er darüber
nachgegrübelt, aber nicht das kleinste Zipfelchen seiner
Vergangenheit hatte sich finden lassen, an dem er hätte ziehen
können, um mehr über sich selbst ans Licht zu bringen.
Gedächtnisstörungen!
– Vielleicht war das der Grund, weswegen er hier sein musste.
Unwillig sah er zu dem Patienten hinüber, der seit Stunden
regungslos in dem Pflegebett lag. Nur das leichte Heben und Senken
des Brustkorbs verriet, dass noch Leben in diesem ausgemergelten
Körper war.
Gedächtnisstörungen.
– Das war doch kein Grund, ihn mit diesem lebenden Leichnam
zusammen auf ein Zimmer zu stecken. Er spürte, wie kurz ein
schwaches Flämmchen des Ärgers in ihm aufflammte, aber genauso
schnell wie es sich entzündet hatte, erlosch es auch wieder.
Eigentlich mochte er diesen Burschen sogar, der so still und hilflos
sein Leiden erdulden musste. – Ob er wohl spürte, was mit ihm
geschah? Man erzählte sich ja die seltsamsten Geschichten von
Komapatienten.
Vorsichtig
näherte er sich dem Bett und beugte sich ein wenig über seinen
Zimmergenossen. - Jung war er. Jung, und sehr schmal und sehr blass.
Aschblonde Haare klebten auf der verschwitzten Stirn, und wo sie die
Haut berührten, waren sie durch die Feuchtigkeit um einige Nuancen
dunkler. Kurz kam der Impuls in ihm hoch, die Haare ein wenig zur
Seite zu streichen, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass
eine solche, fast zärtliche Geste dem Fremden gegenüber nicht
angemessen war.
Er
bemerkte ein dünnes Kabel, das unter der Bettdecke hervorkam und in
eine Buchse an der Wand eingestöpselt war. – Wahrscheinlich die
Verbindung zu irgendeinem Monitor im Schwesternzimmer. Das
Tropfgestell am Kopfende des Betts war mit zwei Beuteln bestückt,
die mit halb transparenten, trüben Flüssigkeiten gefüllt waren. –
Kochsalzlösung? Nährlösung? Schmerzmittel? Er entschied sich, dass
es wohl auch ein Schmerzmittel sein musste, was dem armen Kerl da
unablässig in die Armvene und den Port auf dem Brustkorb gepumpt
wurde, und fast kam so etwas wie Neid in ihm auf. Das war doch nicht
der schlechteste Weg, völlig sediert dem Ende entgegenzudämmern. –
Unser täglich Dope gib uns heute ... Wenn schon Schläuchemedizin,
dann bitte aber auch mit Effekt.
Fruchtlose
Gedankenspiele! Er richtete sich auf. Außerdem ziemlich makaber,
wenn er sich den Kerl so ansah. - Genesung war da wohl nicht mehr
angesagt. Allein der halbgefüllte Urinbeutel, der am Bettrahmen
hing, ließ erahnen, dass man den armen Hund noch mehr verschlaucht
und verstöpselt hatte als auf den ersten Blick zu erkennen war.
Zudem war die Haut von lauter winzigen, schwarzen Pünktchen übersät.
– Gewebeeinblutungen? – Jedenfalls kein gutes Zeichen! Wenn ihn
nicht alles täuschte, befand sein Zimmergenosse sich im
kontrollierten Sinkflug. Materialschwäche und kein Treibstoff mehr.
Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann die letzten Systeme
versagen würden.
Zeit,
sich wieder um sich selbst zu kümmern. Eigentlich ging ihn das alles
ja nichts an. Er hatte schließlich ganz andere Sorgen! Er warf noch
einen letzten Blick auf das blasse Gesicht, richtete sich wieder auf
und setzte sich auf einen Besucherstuhl. - Dieses gigantische Loch in
seinem Erinnerungsvermögen war schon bedenklich. Wann hatte man ihn
hier eingeliefert, und was war der Auslöser dafür gewesen? Er hatte
nicht die geringste Ahnung, wer er war. Das war doch kein Zustand.
Bei nächster Gelegenheit würde er eine der Schwestern fragen, was
eigentlich mit ihm los war. Vielleicht würde sich ja sogar mal ein
Arzt hierher bemühen, der ihm ein paar Auskünfte geben konnte.
Das
führte alles zu nichts! Er stand auf und ging zum Fenster. Das
Krankenhaus schien direkt an einen Park herangebaut worden zu sein,
die Aussicht war jedenfalls entsprechend. Viel zu sehen gab es dort
nicht, nur einen breiten Fußweg, der schon nach wenigen Metern im
dichten Grün verschwand. Schlagartig bekam er Lust, ein Stück auf
diesem Weg zu gehen. Nur raus aus diesem muffigen Zimmer, in dem er
nichts Anderes tun konnte, als diesem Typen auf dem Bett beim Sterben
zuzusehen. Vielleicht ergab sich ja bald eine Gelegenheit ...
Versonnen
schaute er in die grüne Landschaft hinaus, als sich plötzlich ein
heller Fleck von der Seite in sein Gesichtsfeld hineinschob. Er
schaute genauer hin und erkannte ein Mädchen, das den Weg entlang
ging. Das weiße Kleid leuchtete grell in der Sonne, und die weiße
Sporttasche, die an einem Gurt über ihrer Schulter hing, pendelte im
Takt ihrer Schritte. Sie schien es nicht eilig zu haben. Es war mehr
ein Schlendern, so, als sei sie jemandem ein Stück weit
vorausgegangen und warte nun darauf, wieder eingeholt zu werden. Er
schaute den Weg entlang, soweit das verschlossene Fenster das zuließ.
Da war niemand, also konzentrierte er sich wieder auf die einsame
Gestalt auf dem Weg, die im hellen Sonnenschein leuchtete, als sei
sie halb transparent.
Das
Mädchen verlangsamte seine Schritte, blieb stehen, drehte sich um
und sah zu ihm hinauf. Natürlich war der Abstand zu groß um sicher
zu sagen, wohin ihr Blick wirklich ging, aber er wusste genau, dass
er, und nur er gemeint war. Sie musste seine Blicke in ihrem Rücken
gespürt haben.
Obwohl
er ja nichts Ungehöriges getan hatte, fühlte er sich erwischt, und
trat hastig einen Schritt vom Fenster zurück. – Was war das denn
jetzt? Er wusste ja, dass es Menschen gab, die sehr feinfühlig
reagierten, aber das war ja direkt unheimlich: Nur ein kurzer Blick,
kaum mehr als ein flüchtiges Wahrnehmen, wie konnte das eine so
starke und zielgerichtete Reaktion bei ihr ausgelöst haben? Und
warum hatte er sich vor ihr versteckt? Viel wusste er nicht über
sich, aber als besonders schüchtern schätzte er sich eigentlich
nicht ein.
Vorsichtig
schob er sich erneut an das Fenster heran, und das Mädchen tauchte
wieder in seinem Blickfeld auf. Noch immer stand es auf dem Weg und
schien auf etwas zu warten. Ihr weißes Kleid leuchtete so hell in
der Sonne, dass er die Umrisse des Körpers nur erahnen konnte. Sie
schien sehr schlank zu sein, dennoch ging auch eine ausgesprochen
weibliche Ausstrahlung von ihr aus. Ihr rotes Haar leuchtete in der
Sonne, und er musste es vor sich selbst zugeben: Sie war genau der
Typ Frau, der ihn ansprach.
Nach
ein paar Sekunden wandte sie den Kopf und sah wieder zu ihm hinauf.
Ihr Gesicht war ebenmäßig, und in diesem Moment schwand auch der
letzte Zweifel: Da unten stand eine sehr schöne junge Frau auf dem
Weg, die aus irgendeinem Grund auf ihn wartete. Kannte sie ihn?
Kannte er sie? Er konnte sich nicht erinnern. Woher wusste sie, dass
er genau hinter diesem Fenster stand? Der Impuls dieses trostlose
Zimmer zu verlassen und einfach zu ihr zu gehen war so stark, dass er
die Hand zu einem kurzen Gruß erhob. Auch sie winkte ihm kurz zu und
beseitigte damit auch die letzten Zweifel. Er wandte sich vom Fenster
ab und ging auf die Tür zu.
Genau
in diesem Moment kam ein lang anhaltendes Stöhnen aus der Kehle
seines Zimmergenossen und der Kopf bewegte sich krampfartig wie in
einer verneinenden Geste hin und her.
Verdammt!
– Da hatte er ein ganz und gar unverhofftes Date, und dann das! Ein
Gefühl von Verantwortlichkeit ließ seinen Schritt stocken. Schwach
nur, aber stark genug, um den armen Kerl auf dem Bett nicht allein
zurückzulassen. Es sah ganz so aus, als habe er starke Schmerzen.
Was konnte man tun? Unsicher bewegte er sich auf den Alarmknopf zu,
aber noch bevor er ihn erreicht hatte, öffnete sich die Tür und
eine Schwester kam mit schnellen Schritten herein. Ohne ihn zu
beachten, wandte sie sich dem Kranken zu, sah, dass es ihm deutlich
schlechter ging und drückte nun ihrerseits die Notfalltaste an der
Wand.
Wenig
später kam eilig eine Ärztin ins Zimmer, der eine weitere Schwester
mit einem kleinen Rollschränkchen folgte, auf dem einige
medizinische Geräte bereitlagen. Die Ärztin gab ein paar
Anweisungen, und eine der Schwestern zog eine Spritze auf.
Seltsam
war, dass er kaum verstehen konnte, was da gesprochen wurde. Mit
seinem Gehör war bestimmt alles in Ordnung. Das Öffnen und
Schließen der Tür, das Klappern der Instrumente – das bekam er
alles mit, nur die Worte kamen bei ihm so schwach und unverständlich
an, als werde die Unterhaltung in einem anderen Zimmer geführt.
Die
Ärztin und eine der Schwestern kümmerten sich um den armen Kerl im
Pflegebett, aber es sah nicht so aus, als würden sie viel ausrichten
können. - Hoffnungslos! Er wandte sich wieder dem Fenster zu. Das
hier war ihm alles viel zu nah, zu intim. Er fragte sich, warum er
nicht aus dem Zimmer geschickt worden war. War das wirklich nötig,
dass er miterlebte, wie dieser Typ starb? Eigentlich hätte er das
Zimmer unter Protest verlassen sollen, aber etwas Unerklärliches
hielt ihn davon ab. Da er unsicher war, wie er reagieren sollte,
begnügte er sich damit, sich wieder dem Fenster und dem Park
zuzuwenden.
Die
junge Frau war noch da und schaute gleich wieder zu ihm hoch. Sie
winkelte die Arme leicht vom Körper ab und drehte ihm dabei die
Handflächen zu. „Na, was ist?“, schien diese Geste zu sagen.
„Kommst du, oder kommst du nicht?“
Wenn
es hier schon niemand nötig hatte ihn zu beachten, konnte er seine
Freiheit auch ausnutzen und herausbekommen, ob sie wirklich ihn
meinte, oder ob er sich doch getäuscht hatte. Er gab dem Mädchen
ein zustimmendes Zeichen und verließ mit der Ärztin zusammen den
Raum. Sie hatte den Kampf aufgegeben, und ein rascher Seitenblick
zeigte ihm, dass der arme Kerl im Bett so tot war, wie ein Mensch nur
sein konnte. Na, wenigstens die letzten Minuten hatten sie ihm mit
irgendeiner Chemie noch ein wenig leichter machen können.
Das
Wort „Sterbezimmer“ kam ihm in den Sinn, als er sich in Richtung
Ausgang bewegte, denn an der Tür hatte er das Schild gesehen:
Signalrot mit weißen Großbuchstaben und den unvermeidlichen
Ausrufungszeichen: ANSTECKUNGSGEFAHR! ZUTRITT NUR IN SCHUTZKLEIDUNG!
– aber da drin gab es keine Ansteckungsgefahr. Garantiert nicht!
Nur diese letzte barmherzige Lüge, um einen ruhigen Abschied zu
ermöglichen. - So weit, so gut, aber warum man auch ihn dort
untergebracht hatte ...
Egal!
Der Weg durch die langen Flure war erstaunlich leicht zu finden, und
schließlich kam er auf dem Weg hinter dem Haus an. „Kenne ich
dich?“ Unsicher näherte er sich der jungen Frau.
„Du
hast schon von mir gehört“ Sie lächelte ihm freundlich entgegen.
„aber du kennst mich nicht wirklich.“
„Du
bist sehr schön.“
„Ich
habe viele Gesichter, und für dich sehe ich eben so aus.“
Viele
Gesichter? - Was meinte sie jetzt damit? Für ihn war sie die
schönste Frau, die er je gesehen hatte. „Und warum bist du hier?“
Ein
sanftes Lächeln zog sich über ihr Gesicht. „Ich habe dich
erwartet. Hast du Lust, den Weg mit mir bis ganz zu Ende zu gehen?“
„Warum
nicht?“ Etwas ratlos hob er die Schultern. Woher kennst du mich
denn? Warum bist du hier?“
„Um
dich abzuholen. – Weil es ein weiter Weg ist, den du alleine nicht
schaffen kannst.“ Sie schaute kurz auf die Tasche in ihrer Hand
hinab. „Du bist wirklich bereit, all das hier zurückzulassen und
mit mir zu kommen?“
„Ja!“
Er nickte leicht. „Klar doch! Was ist da drin?“ Er schaute
ebenfalls auf die Tasche.
„Eine
Decke“, erklärte das Mädchen ohne zu zögern. „Eine Decke zum
Unterlegen. Du musst zu mir kommen. Wir müssen uns vereinigen. Du
musst mich ganz und gar annehmen, sonst funktioniert es nicht.“
„Du
meinst, wir werden ...“ Er sprach nicht weiter. Es war ganz
offensichtlich, was das Mädchen meinte.
„Sicher.“
Das Mädchen lächelte. „Kommst du?“ Sie hielt ihm die Hand hin
und er griff danach. Ihre Finger verschränkten sich ineinander, und
er spürte ein Wärme und Vertrautheit, wie er sie nicht für möglich
gehalten hatte. An ihrer Seite würde es leicht sein, alles hinter
sich zu lassen – Ja! Sie würden sich zusammen auf den Weg machen.
Er war der Partner ihrer Wahl, und sie war die Frau, der er vertrauen
konnte. Alles, was jemals gewesen sein mochte, zählte nicht mehr.
Warum auch immer: Er hatte ein sehr gutes Gefühl bei der Sache. Ohne
noch einen Moment zu verschenken gingen sie los, hinein in die
einladenden Schatten der Bäume.
Die
Krankenschwester beeilte sich, den toten Körper zu versorgen. Gleich
würden die Pathologiehelfer kommen um den Leichnam abzuholen und
dann wollte sie Port und Katheter schon entfernt haben. In gewissem
Sinne war sie stolz darauf, ihrem Patienten diesen letzten Dienst
erweisen zu können, von ihrer Station war noch niemand einfach so
weggebracht worden. Zwar war das eine Arbeit, die sich zu zweit
besser erledigen ließ, aber die Station war seit Monaten chronisch
unterbesetzt, also hing sie mal wieder alleine darauf fest.
Geübte
Griffe machten die Arbeit zwar nicht angenehmer, aber wenigstens
leichter. Schon wenige Minuten später stand sie vor dem Waschbecken
und betrachtete kritisch ihr Spiegelbild, das ihr bleich und müde
entgegensah.
Die
Krankenschwester seufzte, und obwohl sie alleine im Raum war, hob sie
in einer resignierenden Geste kurz die Schultern.
Das
Krankenzimmer war recht geräumig und in hellen Farben gestaltet,
aber plötzlich wurde es ihr zu eng zwischen den cremefarbenen
Wänden. Mit schnellen Schritten ging sie zum Fenster, stützte die
frisch gewaschenen, noch leicht feuchten Hände auf den Marmorsims
und starrte hinaus. Viel Trost hatte der hässliche Klinikparkplatz
in der grauen Morgendämmerung ja nicht zu bieten, aber über dem
kantigen Verwaltungsgebäude war hinter dichten Regenschleiern schon
die Silhouette der Stadt zu erahnen und vermittelte einen vagen
Eindruck von Weite.
Jetzt
war es schon ein wenig besser. Der Druck auf ihren Brustkorb ließ
etwas nach, und für einen kleinen Moment sah sie nicht mehr Beton
und Asphalt, sondern nahm die Gegend so wahr, wie sie vielleicht
früher mal gewesen war: Büsche und Bäume auf denen die heiße
Mittagssonne lag, deren Schatten aber milde Kühle versprachen. Ein
Fußweg führte in das Grün hinein, und kurz meinte sie sogar ein
junges Paar zu erkennen. Ein rothaariges Mädchen und ein aschblonder
junger Mann entfernten sich Hand in Hand mit zielstrebigen Schritten
vom Haus. Etwas verwirrt schloss die Krankenschwester die Augen. Als
sie sie wieder öffnete, war das Bild verschwunden, und der
regennasse Parkplatz zeigte sich wieder in all seiner morgendlichen
Hässlichkeit.
-
Halluzinationen! Verdammt nah am Burnout, stellte sie still für sich
fest. Irgendwann würde sie sich versetzen lassen. Der Dienst in der
Palliativabteilung war auf Dauer nichts für sie, aber es war ihr
völlig klar, dass sie auch auf den anderen Stationen immer mit dem
Sterben zu tun haben würde. Das brachte der Job so mit sich, und der
Tod hat nun mal viele Gesichter.
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