Donnerstag, 24. Oktober 2013

Warum "trotzdem" Qindie?

Warum die "Spiegelbest-Affaire" gut in mein Konzept passt.



Wen mein Konzept nicht interessiert, der kann sich ja auf die letzten vier Absätze beschränken. Die sind tagesaktuell.

Vorausschicken möchte ich, dass ich hier ausschließlich meine eigene Meinung vertrete. Innerhalb des Qindie-Korrektivs bin ich nur eine Stimme von vielen. Meine Zielsetzung ist klar definiert, von eigenem Interesse geprägt und lässt sich mit einem einzigen Wort umschreiben: Es geht mir um die SICHTBARKEIT meiner Werke.



Als Selfpublisher, der auch gelesen werden will, ist man immer darauf angewiesen, dass der Titel eine gewisse Präsenz auf dem Markt hat. Der potentielle Leser muss die Chance haben "zufällig" auf ein Buch von mir zu stoßen, das ihn interessiert, was bei einem Zigtausender-Ranking aber kaum gelingen wird. So bleibt das Buch letztlich unentdeckt, ungekauft und ungelesen.

Öffentlichkeit muss hergestellt werden, und eine ständige Erreichbarkeit muss gegeben sein! Heute macht man das mit Homepages, Blogs und Produktseiten. Schön, wenn man das alles hat, aber am Problem hat sich nicht wirklich was geändert. Die Kernfrage lautet nun, wie meine Webpräsenz entdeckt werden kann. Wünschen würde ich mir eine Suchmaschine, die bei der Eingabe von "gutes buch" direkt Treffer für "Michael Stuhr" anzeigt, aber das wird wohl ein Traum bleiben. Jetzt habe ich also nicht nur etliche Bücher, sondern auch noch einige tolle Webpräsenzen, die niemand finden kann.

Werbung kann hier ein Ausweg sein. Mein persönlicher Vorteil ist, dass ich aus der Branche komme, und wer mich schon kennt, der wird zwangsläufig bemerkt haben, dass ich meine Titel und Präsenzen permanent auf verschiedenen Plattformen sichtbar halte. Dabei hilft mir ein locker gestricktes Netzwerk von KollegInnen, die ich meinerseits ebenso unterstütze. Natürlich gibt es auch AutorInnen, die solch eine Zusammenarbeit mit mir nicht wünschen, aber das stellt sich ja sehr schnell heraus. Wer nicht möchte, dass meine LeserInnen auf seine Titel aufmerksam gemacht werden, der empfiehlt mich halt nicht weiter, und die Sache hat sich.

Damit wäre schon mal eine Teillösung herbeigeführt. Ein kleiner Pool von Autoren, die die Werke aller Beteiligten für die Leser sichtbar - also auffindbar, kaufbar, lesbar - halten, ist ja keine schlechte Sache. Noch bieten wir aber alle unsere Ware auf einem riesigen Marktplatz an, auf dem Texte wirklich aller Qualitätsstufen zu finden sind. Darauf will ich hier gar nicht weiter eingehen, aber jeder, der in der Branche aktiv ist, hat bestimmt schon mal ein paar eBooks angelesen, die er aus den verschiedensten Gründen nicht so toll fand.

Da ich nicht nur Autor, sondern auch Leser bin, habe ich mich mehr als einmal über unausgereifte Texte geärgert, die in den Shops ernsthaft zum Kauf angeboten werden. Als Autor ärgert es mich umso mehr, weil meine sauber lektorierten Titel auf den ersten Blick nicht von Veröffenlichungen zu unterscheiden sind, die bestenfalls den Ansprüchen an ein Rohmanuskript genügen. Die AutorInnen, die einen gewissen Qualitätsanspruch an sich selbst haben, werden das nachfühlen können.

Ein weiterer Schritt war es für mich, mit offenen Karten zu spielen. Zumindest auf neobooks ist es möglich, die Leseproben auf 30% zu setzen. Somit haben potentielle LeserInnen die Möglichkeit, sich mit meiner Schreibe vertraut zu machen. Wer dann immer noch nicht weiß, ob das Buch ihm gefällt, tja, dem kann ich dann auch nicht mehr helfen.

Das Problem für den potentiellen Leser besteht aber nach wie vor: Es gibt ein ermüdend großes Angebot, und die Gefahr, dass die Suche verärgert beendet wird ist groß. Da wäre es doch praktisch, wenn es auf dem Markt einen abgeteilten Bereich gäbe, in dem nur Ware gehandelt werden kann, die die üblichen Qualitätsstandards erfüllt.

An dieser Stelle wurde Qindie für mich interessant, also entschloss ich mich, meine Werke dort anzubieten, wo sie hingehören: In einem Pool ordentlich lektorierter Bücher, der das Enttäuschungslevel der Interessenten möglichst niedrig hält. Das Qindie-Portfolio ist mittlerweile beachtlich, und wer innerhalb seines Interessengebiets in den Titeln stöbert, wird dort auf Texte stoßen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind gut lesbar und - und da schließt sich der Kreis - sie sind SICHTBAR!

Selbstverständlich gibt es viele Spitzentexte auf dem eBook-Markt, die sich aber den Platz mit nicht so gelungenen Werken teilen müssen. Ebenso gibt es bei Qindie Texte, die mir nicht so gut gefallen, weil sie halt nicht für mich geschrieben sind. Eines gibt es jedoch nicht: Es gibt keine schlechten Texte im Qindie Sortiment (Ich habe jedenfalls noch keinen gefunden). Das ist der Grund, der mich bewogen hat, dort Mitglied zu werden, und das Schönste ist: Jeden Monat kommen etliche neue Autoren mit ihren Büchern dazu. Der Pool wird also immer größer, und mit jedem neuen Titel wird die Auffindbarkeit meiner Bücher weiter verbessert.

Zur "Spiegelbest-Diskussion"

Einziger Aufreger in dem knappen halben Jahr meiner Mitgliedschaft war für mich die aktuelle Diskussion über Buchpiraterie unter Einbeziehung eines Insiders der Szene. http://www.qindie.de/was-hat-ein-buchpirat-den-autoren-zu-sagen-kolumne/ Da kam mir dann mein westfälisches Naturell zugute, das mich vor übereilten Handlungen schützt. Zwar ist der Beitrag des umstrittenen Referenten in meinen Augen nicht sonderlich zielführend, aber die daraus resultierende Diskussion hat zumindest die Problematik ein wenig besser ausgeleuchtet. Möglicherweise ergibt sich daraus ja mal was Positives. Die Abschaffung des gewerblichen eBook-Diebstahls wird es wohl nicht sein, aber wer weiß ...

Ansonsten ist der gewerbliche Datendiebstahl inklusive illegaler Weiterverbreitung der Inhalte nicht mein größtes Problem. Die wirklich Betroffenen spielen allesamt in einer anderen Liga, da die Nutzer illegaler Buchdownloads eher auf Bestsellerfang aus sind. Da darf ich mich in aller Bescheidenheit als nicht so sehr betroffen einstufen. Zwar habe ich einen schönen Kreis von LeserInnen, aber zu den Spitzenplätzen in den Top-Rankings ist es noch ein ziemlich weiter Weg. Sollten meine Werke auf solch illegalen Plattformen angeboten werden, sind sie also auch dort kaum auffindbar, da sich kaum ein Interessent die Mühe machen wird, zig-tausende Titel zu sichten.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Auch wenn es mich nicht in vollem Umfang betrifft, bin ich absolut gegen die sogenannte Buchpiraterie. Eine Lösung des Problems ist für mich zwar nicht in Sicht, aber dass nach Lösungen gesucht wird ist absolut okay. Je mehr Autoren und Verleger sich Gedanken darüber machen, umso besser ist es. Zudem fördert die aktuelle Diskussion auch wieder die Sichtbarkeit von Qindie - und somit meiner Titel - und darauf kommt es mir ja bekanntlich an. Da bedauere ich es doch fast, dass der umstrittene Gastschreiber, der sich selbst als "Troll der Trolle" sieht, und für den "Flaming" erst den richtigen Eventcharakter in eine Diskussion bringt, wohl bald das Interesse verlieren wird, sich mit so einer relativ gesittet auftretenden Truppe abzugeben.

Was den Nutzeffekt der Diskussion zur Sache angeht, sieht die Bilanz zurzeit doch eher mau aus. Der revolutionärste Vorschlag sieht vor, einen Pool zu bilden, in den die Leser einen Pauschalbetrag einzahlen. Dieser Topf soll dann unter den Autoren verteilt werden, und zwar anhand von den LeserInnen zu verteilender Sternchen. - So wie bei den Rezensionen etwa, wo sich echte Begeisterung ebenso in Besternungen niederschlägt, wie gekaufte oder erbettelte Bewertungen. - Was für eine Idee! Ich finde eigentlich, dass das Gebalge um die Rezensionssternchen schon reicht, und wenn es dann erst um Geld geht ... schaue ich mir das Drama natürlich auch an - mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand.

Mit einem herzlichen Gruß an alle KollegInnen

Micha

www.michaelstuhr.de

www.thriller-fantasy-leseprobe.de

Freitag, 11. Oktober 2013

Wie alles begann ...

Schreibers Wahn
 
Einst wollt ein Schreiber Lyrik machen
er wollte, dass die Menschen lachen
und lieben, und an Schönes denken
er wollt sie hin zum Guten lenken


doch sperrten sich die Worte sehr
wohl passten sie so ungefähr
doch niemals passten sie so richtig
und gerade das war doch so wichtig


der Schreiber feilte daran rum
er schrieb sich gar die Finger krumm
beschnitt den Text um manches Stück
gab dann dem Satz den Sinn zurück


er wollt der Welt doch so viel geben
die Quintessenz, den Sinn, das Leben
er tauschte Silben und auch Verben
das Epos durfte ihm nicht sterben


und so entfloss ihm Reim um Reim
wie zäher, transparenter Schleim
ganz ohne Formen und Kontur
was dachte sich der Arme nur?


Nach Tagen eifrigen Bemühens
ließ endlich nach die Kraft des Glühens
ernüchtert sah der Schreiber an
was er in seinem Wahn getan


vernichtete das Werk sofort
und sprach das unvergessne Wort:


Jetzt mach ich Prosa! Basta!

 Und was es da so gibt, ist in www.thriller-fantasy-leseprobe.de zu finden. 

Samstag, 5. Oktober 2013

"Die Hornisse"


 Als kleines Sonntagsgeschenk: Eine komplette Story aus dem Kurzgeschichtenband

"DIE NACHT DER ENGELSTRÄNEN"


DIE HORNISSE
 
Hätte ich nicht meine Krawattennadel verloren, wäre alles nicht passiert!
Eigentlich hätte ich zufrieden sein können. Endlich war die Zeit der finanziellen Misere vorbei. Der Job war zwar nicht optimal gelaufen, aber immerhin hatte ich ungestört das Lösegeld kassieren können.
  Eigentlich ist es Unsinn, die Schuld auf die Krawattennadel zu schieben. Das Blag war schuld! Hätte der blöde Bengel sich nicht irgendwie aus den Fesseln gewunden und sich die Pflasterstücke von den Augen gezogen, könnte er heute noch leben.
  Er hatte mein Gesicht gesehen.
  Aber das war noch nicht einmal das Schlimmste. Er hatte sich in dem Lagerraum umgesehen, in den ich ihn gesperrt hatte. Überall waren Kartons gestapelt, auf denen meine komplette Firmenadresse stand. Auch das wäre noch zu ertragen gewesen, weil der Knirps mit drei Jahren noch nicht lesen konnte; aber er hatte auch die Ware gesehen.
  Ich handele mit Designertelefonen, die kein Aas kaufen will. Überall standen Apparate in den unterschiedlichsten Formen und Farben herum. Wenn der Bengel zu Hause ausplauderte, was der fremde Onkel für viele, tolle Klingelings hatte, konnte ich mir ausrechnen, was geschehen würde.
  Als ich mit dem Geldkoffer in der Hand ins Lager kam und das Licht anmachte, saß der Bengel ohne Fesseln auf seiner Matratze und glotzte mich mit zusammengekniffenen Augen an. Es war mir sofort klar, dass er genug gesehen hatte, um mich ans Messer zu liefern. Dabei hatte ich ihn gerade in meinen Wagen packen und irgendwo aussetzen wollen. Pech!
Ich habe das Bürschen dann wieder gefesselt und verpflastert. Diesmal gab's auch einen breiten Streifen Leukoplast über den Mund. Dann habe ich eine Decke in den Kofferraum meines Wagens gepackt und den Kleinen dort eingesperrt.
  Glauben Sie nur nicht, dass ich mir die Entscheidung leicht gemacht habe. Ich habe wirklich eine volle Stunde lang überlegt, wie ich den Bengel am humansten von der Welt schaffe. Ich hätte ihn ja auch erwürgen können oder mit einem Kissen ersticken. Aber das ist alles sehr unangenehm. Das wollte ich ihm einfach nicht zumuten.
  Also habe ich mir die Arbeit gemacht, ihn zu erschießen. Arbeit deswegen, weil es ziemlich viel Dreck macht. Es spritzt! - Sie wissen schon was ich meine, nicht wahr?
  Zum Glück gibt es bei uns in der Nähe ein Naturschutzgebiet. Ich kenne dort eine Ecke in die kaum jemand kommt. Dort habe ich dann meine .22er rausgeholt, die ich mit zweihundert Schuss Munition mal von einem Kumpel gekauft habe. Damit habe ich dem Bengel das Lebenslicht ausgepustet. Er hat garantiert nichts davon gemerkt.
  Etwas schwieriger war schon das Eingraben. Ich hatte mir selbst zur Auflage gemacht, das Loch wegen der Füchse wenigstens anderthalb Meter tief zu graben. Keine leichte Sache, wenn man nur einen Klappspaten hat. Schließlich war es dann so weit. Ganz vorsichtig hatte ich die Leiche hineingleiten lassen, obwohl das ja gar nicht nötig gewesen wäre. Aber ich bin nun mal recht feinfühlig, da kann man nichts machen.
  Als ich das Loch wieder zugeschaufelt hatte, war von dem Grab so gut wie nichts mehr zu sehen. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich einige Blutspritzer auf meiner linken Hand hatte. Sie ließen sich aber ganz leicht abwischen. Dann zog ich den erdbehafteten Overall aus, den ich bei dieser Aktion getragen hatte, und warf ihn auf der Heimfahrt in einen Autobahn-Mülleimer. Einzig die Schuhe bedurften einer gründlichen Reinigung, was aber auch kein Problem darstellte.
  Die nächsten Tage verbrachte ich damit, das Lösegeld auf eventuelle Manipulationen hin zu untersuchen. Es schien damit aber alles in Ordnung zu sein. Ich hatte mir sogar eine UV-Leuchte und verschiedene Chemikalien beschafft, stellte aber bei keiner Banknote eine Reaktion fest. Offenbar hatten meine Partner sich an die Anweisung gehalten, nur saubere Scheine zu liefern. Ob Sie es glauben oder nicht, es tat mir direkt Leid, dass ich den Kleinen nicht hatte zurückgeben können.
  Vorsichtig, wie ich bin, hatte ich mir dann einige Hunderter genommen und war in die übernächste Großstadt gefahren. Dort hatte ich in den großen Kaufhäusern lauter kleine Teile eingekauft. Das Wechselgeld, das ich nun für meine Hunderter erhielt, war absolut sauber. So machte ich am ersten Tag viertausendsechshundert Euro Reingewinn. Clever, nicht?
  Am Abend merkte ich dann, dass meine Krawattennadel fehlte.
In der ganzen Aufregung hatte ich mich ein wenig vernachlässigt. Ich bin sonst sehr ordentlich und sauber, das können Sie mir glauben. So gehe ich zum Beispiel nie ohne Krawatte aus. Und zur Krawatte gehört immer eine passende Krawattennadel! Ich habe vierzehn Stück davon, die alle auf einem kleinen Samtkissen in meinem Schlafraum stecken. Allerdings nicht in Reih und Glied. Sonst wäre mir das Fehlen der einen, speziellen, bestimmt eher aufgefallen.
Die folgenden zwei Tage waren die Hölle! Immer wieder durchsuchte ich alle Ecken und Winkel, in die die Nadel hätte rutschen können. Kein Möbelstück blieb an seinem Platz, kein Kleidungsstück, das ich nicht mehrmals durchsucht hätte. Ohne Erfolg. Die Nadel war und blieb verschwunden. Auch im Fahrzeug und in der Firma war nichts zu entdecken. Als ich endlich sogar den Beutel des Staubsaugers erfolglos untersucht hatte, wurde mein erster spontaner Verdacht zur Gewissheit. Die Nadel lag wahrscheinlich im Grab des Bengels, draußen im Naturschutzgebiet.
  "Na, und?“, werden Sie denken. "Es gibt Millionen Krawattennadeln. So ein Ding ist kein Beweis!" Da muss ich Ihnen Recht geben. Allerdings nur im Allgemeinen. Mein spezieller Fall sah da schon etwas anders aus. Es handelte sich nämlich um ein ganz besonderes Exemplar.    
  Einer meiner Lieferanten hatte zu Weihnachten letzten Jahres Krawattennadeln in Form eines winzigen Telefons an die Händler verschenkt. Und als besondere Aufmerksamkeit trug jede davon die Initialen des Beschenkten! Alles klar?
  Ich jedenfalls wusste, was ich zu tun hatte. Nun bin ich, wie bereits erwähnt, ein recht sensibler Mensch. Horrorfilme und solchen Kram mag ich überhaupt nicht. Spätestens wenn die Helden sich zwecks Exhumierung um Mitternacht um ein Grab versammeln, schalte ich um oder schaue woanders hin.
  Jetzt stand mir also dasselbe bevor, nur dass es an der richtigen Besetzung mangelte. Normalerweise gehören zu so einer Aktion ja wenigstens drei Leute: Ein Professor der Medizin, ein Kommissar und ein Geistlicher. Dazu kommen dann noch zwei Totengräber, die die Drecksarbeit machen. Ich dagegen musste aus begreiflichen Gründen auf jede Unterstützung verzichten.
  Der Gedanke, die Leiche auszugraben, war mir zutiefst zuwider. Nahezu verzweifelt durchsuchte ich nochmals Wohnung, Firma und Fahrzeug. Aber die Nadel tauchte nicht wieder auf. Dann musste es eben sein!
  Zehn Tage, nachdem ich mit dem Jungen dort gewesen war, fuhr ich wieder zum Naturschutzgebiet hinaus. Als Geschäftsmann kann ich mir meine Arbeitszeit ja einigermaßen einteilen, also wählte ich den Dienstagmorgen. Früh um sieben war ich mit Klappspaten und Gummihandschuhen ausgerüstet bei dem Grab. Wie ich es mir gedacht hatte, war es unberührt und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.
  Kurz spielte ich mit dem Gedanken, Nadel Nadel sein zu lassen und meiner Wege zu gehen. Andererseits stand zuviel auf dem Spiel. Sollten die Füchse die Leiche doch noch wittern und ausgraben, hätte ich verdammt schlechte Karten, das wusste ich genau. Also musste ich die Nadel aus dem Grab holen, oder mich wenigstens vergewissern, dass sie auch dort nicht war. Ich hoffte sehr, dass ich sie schnell fand, vielleicht sogar in den oberen Erdschichten. Ich hatte absolut keine Lust, den Bengel wiederzusehen, schon gar nicht nach zehn Tagen. Ich habe in meinem Wochenendhaus mal vergessen, ein Hähnchen einzufrieren. Es war Sommer. Als ich nach sechs Tagen wieder dorthin kam ... Mir dreht sich heute noch der Magen um!
Ein Summen im nahen Gebüsch lenkte mich kurz ab. Ein großes Insekt schien dort herumzuschwirren. Es war aber nicht zu erkennen.
  Ich räumte das Gestrüpp, das ich zur Tarnung über das Grab gelegt hatte, zur Seite und fing an zu graben. Die Arbeit ging gut voran. Das Wetter war trocken gewesen, und die Erde war leicht. Ich versuchte, mich auf die Erdbrocken auf dem Spaten zu konzentrieren, vielleicht entband mich ja ein verräterisches Glitzern von der weiteren Arbeit, da kam wieder dieses Summen aus den Büschen neben mir. Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie eine außerordentlich große Hornisse im dichten Blätterwerk verschwand.
  Eilig grub ich weiter. Ich bin kein großer Insektenfreund, und wenn die Biester auch noch stechen, hört für mich der Spaß endgültig auf. Nach einigen Minuten spürte ich, wie der Boden unter meinen Spatenstichen zu federn begann. Jetzt senkte ich das Werkzeug vorsichtiger und flacher in das lockere Erdreich.
  Immer wieder schaute ich auf. Die Hornisse wollte einfach nicht verschwinden. Jetzt stand sie knapp außerhalb meiner Reichweite summend in der Luft und schien mich zu beobachten. Ich habe mal gehört, dass drei Hornissenstiche einen Menschen töten können. Langsam wurde ich nervös. Überall im Gebüsch hörte ich es jetzt brummen. Das musste ein ganzer Schwarm sein, der hier irgendwo sein Nest hatte. Ärgerlich warf ich einen Spaten voll Erde nach dem Biest. Es sollte endlich verschwinden. Geschickt wich das Tier aus.
  Plötzlich knackte es unter meinen Füßen und die Erde gab nach. Mit einem leisen Aufschrei sah ich, wie sich die Erde vor meinen Füßen zu heben begann. Der Oberkörper des Jungen bohrte sich wankend durch die Oberfläche. Heute weiß ich, dass ich vermutlich sein Becken mit meinem Gewicht in eine Mulde gedrückt hatte, aber damals glaubte ich doch tatsächlich, der Bengel wolle aufstehen und nach mir greifen. Scheußlich sah er aus, ungelogen! Augen und Mund noch von Pflastern bedeckt, wirkte er wie ein unfertiger, ungeborener Mensch; wie ein halb verwester, erdiger Embryo, der mich mit seinen verklebten Augen vorwurfsvoll anstarrte.
Ich schäme mich nicht, zu gestehen, dass mir bei diesem Anblick das Herz in die Hose rutschte. Mein empfindliches Gemüt macht mich nicht gerade geeignet für solche Aktionen. Genau in diesem Moment spürte ich einen Stich im Nacken, der sofort in einen brennenden Schmerz überging. Einen so rasenden Schmerz, wie ich ihn vorher nicht für möglich gehalten hätte. Sofort war meine linke Halsseite wie gelähmt.
  Die Hornisse! Das Mistvieh hatte mich gestochen! Mit einem Aufschrei sprang ich aus dem Grab heraus und die Leiche des Jungen sank wieder zurück in den krümeligen Boden.
  Wieder ein Stich! Diesmal in die Hand, die ich schützend in das Genick gelegt hatte. Drei Stiche können einen Menschen töten! Überall um mich her summte und brummte es. Der Schmerz machte mich halb blind. Ich ließ Grab Grab und Nadel Nadel sein und rannte! Rannte mit tränenden Augen und schmerzverzerrtem Gesicht zu meinem Wagen, hinter mir das schreckliche Summen der Hornissen. Keuchend schlug ich die Autotür hinter mir zu. Ich war gerettet! - Meinte ich.
  Den Rest des Tages verbrachte ich damit, die Stiche zu kühlen und mir Sorgen wegen des offenen Grabes zu machen.
  In der Nacht machte ich mich wieder auf den Weg. Mein Hals und meine Hand taten immer noch teuflisch weh, aber ich musste das Grab wieder ordentlich verschließen.
  Ohne suchen zu müssen, fand ich die Stelle auch in der Dunkelheit sofort wieder. Das Licht des vollen Mondes half mir dabei, und als ich mich auf dem Weg vom Wagen zum Grab kurz orientierte, zog eine einzelne Sternschnuppe ihre einsame Bahn am Himmel. Hatte mal jemand gesagt, das seien die Seelen der Kinder, die zu früh gestorben sind? Ich wusste es nicht. Ehrlich gesagt war ich ziemlich verwirrt und konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen.
Am Grab war alles noch so, wie ich es verlassen hatte. Einige Meter von dem Loch entfernt lag der Spaten noch genauso da, wie ich ihn fortgeworfen hatte. Tief in der Erde wurde das, durch die Pflaster seltsam glatt wirkende, Gesicht des Jungen vom kalten Mondlicht beschienen.
Hastig nahm ich den Spaten auf und begann, wieder Erde auf den kleinen Körper zu schaufeln. Mir war jede Lust vergangen, mich weiter mit dem Grab und der Leiche zu beschäftigen. Sie wissen ja, ich bin für so etwas nicht wirklich gut geeignet.
  Gut die halbe Arbeit war getan, als ich plötzlich aufmerkte. Da war ein Geräusch in den Büschen: - Ein dumpfes Brummen, so als würden sich tausende von Hornissen zu einem Angriff sammeln. Aber das war unmöglich. Hornissen fliegen nicht in der Nacht.
  Vor Anstrengung keuchend wuchtete ich einen Spaten voll Erde nach dem anderen in das Loch, als ich undeutlich die Silhouette einer Riesenwespe vor meinem Gesicht schweben sah. Voller Panik schlug ich mit der Hand danach, verfehlte sie aber. Ein kurzes Krabbeln unter meinem rechten Auge und ein Stich, wie von einer glühenden Nadel schleuderten mich förmlich fort von dem Grab. Überall auf meinem Körper fühlte ich nun Insektenbeine. Zwanzig, dreißig Stiche mussten es jetzt schon sein.
  Drei Stiche können einen Menschen töten? Ich weiß es besser! Hunderte von Stichen habe ich ertragen müssen, auf dem Weg zum Wagen, und jetzt sind es schon Tausende. Die Viecher gehen einfach nicht mehr weg von mir.
  Ich weiß es jetzt! Sie sind nicht echt! Es gibt keine Hornissen, die nachts fliegen. Es gibt auch keine Hornissen, die ein fahrendes Auto verfolgen und durch die geschlossenen Scheiben kommen. Es gibt ganz bestimmt auch keine Hornissen, die zu hunderten aus Wänden wachsen und über Menschen herfallen. Sie sind nicht echt, aber ihre Stiche sind es! - Nein, auch die nicht. Es fehlt das Gift! Wären diese Viecher wirklich giftig, wäre ich seit über zwei Tagen tot. Ich soll nur die Stiche spüren und die Schmerzen erleiden. Das ist es, was mir bestimmt ist: Leiden ohne Hoffnung. Schmerzen ohne Ende!
  Ich habe einen Entschluss gefasst: Es ist mir egal, ob das Grab jemals entdeckt wird. Ich werde mich selbst töten! Seit ich diese Entscheidung gefällt habe, lassen sie mich in Ruhe. Nur eine von ihnen schwebt mitten im Raum und beobachtet, wie ich hier mein Geständnis niederschreibe. Nur wenn ich versuche, sie hereinzulegen, wird sie die anderen wieder holen.
Ist es nicht lustig? Eben habe ich die Waffe aus ihrem Versteck geholt, gereinigt, geölt und neu geladen. Ich möchte keinesfalls, dass das gute Stück aus irgendeinem Grund versagt. Dabei habe ich etwas bemerkt, was mir vorher nie aufgefallen war: Es ist wirklich ein Witz. Raten Sie doch mal, was auf der Munitionsschachtel steht. Mit was für einer Kugel ich den Jungen erschossen habe? Was für ein Projektil es sein wird, das mein Gehirn in tausend Stücke reißt? Ich hoffe, dass ich den letzten Akt nicht auch noch versaue, weil ich immer wieder Lachanfälle bekomme. Die Bezeichnung der Patronen ist: .22lfb HORNET! Witzig, nicht?

 
Und die nächste Story? Die gibt es unter:


und bei allen anderen Buchshops im Internet.

"DIE NACHT DER ENGELSTRÄNEN", subtiler Horror für den Nachttisch.

Freitag, 20. September 2013

Prolog "Das Geschenk"

Liebe(r) LeserIn,

vermutlich Bist du hier, weil du mysteriöse Stories magst, und da ist dieses Buch, das ich zusammen mit Christiane Weller geschrieben habe, vielleicht das Richtige für dich.

Hier also der Anfang von "Das Geschenk", dem ersten Teil der "silent sea"-Trilogie.

 

 

 

PROLOG


Wie immer wusste er, dass es ein Traum war, aber schon das erste Bild erzeugte eine solche Panik in ihm, dass er verzweifelt versuchte, aufzuwachen.
Es würde nicht gelingen. Es konnte nicht gelingen, weil es nie gelang. Die Bilder würden an ihm vorbeirasen, wie ein Schnellzug in voller Fahrt, und es war sinnlos, erwachen zu wollen, bevor der letzte Waggon vorbeigerauscht war.
Er war den Bildern völlig ausgeliefert. Er kannte sie alle, aber das machte es nicht besser. Er wusste, wie der Traum zu Ende gehen würde. Er kannte das letzte Bild, das er fürchtete, wie nichts sonst auf der Welt: Das Bild, auf dem er sich in Adrianos Griff wand und zurückschaute in den sonnendurchfluteten Garten, wo sich die Strahlen der Sonne vieltausendfach in der leicht gekräuselten Wasserfläche des Pools brachen.

Es begann wie immer ganz friedlich: Er schwamm allein im Pool. Obwohl er erst fünf Jahre alt war, war er ein ausgezeichneter Schwimmer und durfte schon lange allein ins Wasser. Eigentlich war das immer schon so gewesen. Er konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass seine Eltern ihm je das Schwimmen verboten hätten – außer in Gesellschaft natürlich.
Waren Fremde in der Nähe, durfte er nicht ins Wasser. Seine Eltern hatten ihm erklärt, dass er so gut schwamm, dass die Fremden neidisch und ärgerlich werden könnten, wenn sie ihn im Wasser sahen, aber auch da gab es Ausnahmen. Es gab nämlich einerseits die Fremden, vor denen man nicht angeben durfte, und dann gab es da auch noch die Menschen vom Alten Bund. Mit deren Kindern durfte man im Wasser spielen, und das machte dann auch richtig Spaß.
Was die Fremden so unter Schwimmen verstanden, war für den Jungen sowieso uninteressant. Das war kaum mehr als ein müdes Geplansche, und sie waren auch viel zu schnell erschöpft. Die vom Alten Bund dagegen waren stark und es machte Spaß, sich mit ihnen im Wettkampf zu messen.
In seinem Traum war das Wetter immer schön, und unter all seiner Panik spürte er den Frieden des Augenblicks, das Salzwasser des Pools, die Sonne auf der Haut, die Ruhe ringsum.
Die bis zum Boden reichenden Terrassenfenster waren geöffnet, und leise Musik drang aus dem Haus. Es war ein Augenblick ungetrübten Glücks, ein unvergesslicher Moment, besonders hervorgehoben durch die Katastrophe, die gleich unausweichlich folgen musste.
Mit kraftvollen Bewegungen durchschnitt er das Wasser wie ein Delfin, tauchte ab, umrundete das Becken unter Wasser, und als er auftauchte, war sie da.
Er hatte es vorher gewusst, dass dieses kleine Mädchen am Beckenrand stehen würde, aber er erschreckte sich trotzdem jedes Mal. Sie hatte ihn beobachtet, als er getaucht war und das durfte eigentlich nicht sein. Hoffentlich hatte sie nicht bemerkt, dass er viel zu lange unter Wasser geblieben war. So lange, wie sie selbst es niemals auch nur ansatzweise schaffen würde.
Hatte sie es bemerkt? Es schien nicht so. Sie stand nur am Beckenrand und sah ihn mit tränenfeuchtem Gesicht an. Sie hatte irgendeinen Kummer. Er kannte das Mädchen vom Sehen. Der schwarze Haarschopf, die gebräunte Haut und das winzige, orangerote Bikinihöschen waren unverkennbar. Es war die Tochter der Nachbarn, die er hin und wieder aus dem Fenster seines Zimmers im ersten Stock gesehen hatte. Sie hatte in etwa sein Alter, aber sie hatten noch nie ein Wort miteinander gesprochen.
Betont langsam schwamm er auf die Leiter zu, aber trotzdem bildete sich vor seiner Brust eine Welle, die sich teilte und als hoch aufgewölbtes Dreieck aus Wasser und Lichtreflexen den ganzen Pool durchzog. Das Mädchen bemerkte es nicht. Die Kleine war ganz in ihrem Kummer gefangen und starrte mit leeren Augen über die Wasserfläche.
Der Erwachsene in ihm wollte ihr zurufen, dass sie weggehen sollte, ihm nicht zu nahe kommen, sich in Sicherheit bringen; aber er musste hilflos zusehen, wie der Junge in seinem Traum den Griff der Leiter erfasste und sich aus dem Wasser zog.
Das Mädchen sprach nicht. Das tat es nie, aber trotzdem wusste er, warum es hergekommen war: Der neue Hund der Kleinen war plötzlich gestorben und es waren nur die Dienstboten im Haus. Mürrische, ungeduldige Leute die sich weder für den Welpen noch für das Kind interessierten. Ihre Eltern waren unterwegs und sie hatte dort keinen Trost finden können, darum war sie über die Mauer geklettert, hin zu dem Nachbarjungen, den sie hier entdeckt hatte.
Unschlüssig stand der Junge am Rand des Pools und sah das Mädchen an. Er war so erzogen worden, sich nicht zu sehr mit Fremden einzulassen, und dieses hübsche, kleine Mädchen war ganz ohne Zweifel eine Fremde, das konnte er sofort erkennen. Aber sie war doch ungefährlich, so klein, wie sie war. Sie musste ungefährlich sein, denn sie war vor der Gleichgültigkeit im eigenen Haus in seinen Garten geflohen, um seinen Trost und seinen Schutz zu suchen. Und sie war sehr traurig. Stand einfach nur da und sah ihn mit ihren großen, dunklen Augen an, die immer noch in Tränen schwammen.
Der Junge spürte, wie allein und hilflos sie war. Sie wollte sich bloß bei einem menschlichen Wesen ausweinen. Sie suchte seine Nähe und sein Mitgefühl, und auf einmal war alles ganz einfach: Mit einem raschen Blick zum Haus vergewisserte er sich, dass niemand sie beobachtete, machte einen Schritt auf sie zu und legte ihr einen Arm um die Schultern.
Die Kleine atmete mit zitternden Lippen ein und legte scheu ihren Kopf an seinen Brustkorb. Sie war wirklich klein. Ihr Kopf reichte ihm gerade mal bis zum Kinn.
Er spürte ihr tränenfeuchtes Gesicht auf seiner Haut und wie ihr schmaler Körper unter kleinen Schluchzern vibrierte. Er zog sie ein wenig dichter an sich heran, weil sie ihm unendlich Leid tat, wie sie sich so an ihn lehnte und leise weinte. Irgendetwas in ihm gab nach und wurde plötzlich ganz weich. In einer schützenden Geste legte er auch noch den anderen Arm um sie und hielt sie fest.
Jetzt kam der Traum zu der Stelle, wo der Geist des Jungen den Körper kurz verließ. Er erhob sich ein Stück weit über die Szene und sah die beiden Kinder eng umschlungen auf dem Rasen an der Kante des Pools stehen. Für einen Moment war das hier der Mittelpunkt der Welt. Eine Oase der Ruhe, des Trostes und der unschuldigen Zuneigung. Kurz schwebte er über dem friedlichen Bild und sank wieder in den Körper des Jungen zurück.
Etwas hatte sich verändert.
Das tröstende Gefühl, das er ihr hatte geben wollen, war weit in den Hintergrund getreten und er spürte, dass die innige Berührung ihm selbst genauso gut tat wie ihr.
Er gab nicht nur, er konnte auch nehmen. Diesem völlig unerwarteten Überfluss an Wohlgefühl konnte er nicht widerstehen. Es war so, als würde er ein Geschenk erhalten, als würde das Mädchen ihm ihre ganze Kraft und Energie schenken, und er begann zu nehmen. Er spürte, wie ihre nackte, sonnenwarme Haut mit seiner zu verschmelzen schien. Er spürte wie die Energie, die sie ihm gab, in seinen Körper überströmte. Eigentlich hatte er sie nur trösten wollen, und jetzt das! War das die Belohnung dafür, wenn man sich gütig zeigte, und warum gab es dann das Verbot, sich mit Fremden abzugeben? Es war so ein gutes, übermächtiges Gefühl. Was konnte daran schlecht sein?
Er wollte mehr davon. Seine Arme umschlangen das Mädchen fester. Es gab nach und es war, als würde der Fluss der Energie zu einem gewaltigen Strom anschwellen. Er schloss die Augen. Machtvoll und unaufhaltsam ergoss sich dieses neue, unglaubliche Gefühl in seinen Körper, und er wollte mehr davon, immer mehr. Um nichts in der Welt wollte er dieses Mädchen je wieder loslassen.
Langsam ebbte der gewaltige Strom ab, wurde zu einem Fluss, einem Bach, einem Rinnsal, aber es war immer noch erregend und schön.
Er verstand es nicht, als er plötzlich Hände auf seinen Schultern spürte, die versuchten, ihn gewaltsam von dem Mädchen zu trennen. Er wehrte sich und hielt weiter fest. Er wollte auch noch den letzten Tropfen aus dieser wunderbaren Quelle genießen. Er spürte, wie etwas in seinen Armen zerbrach. Es fühlte sich an, als habe er ein dürres Bündel Holz zu stark an sich gepresst. Er öffnete die Augen und ließ los. Das Mädchen glitt zu Boden. Eine kräftige Hand schloss sich um seinen Oberarm und riss ihn von der Kleinen fort, bevor er sie noch einmal hatte ansehen können.
Es war sein Cousin Adriano, und er ging alles andere als sanft mit ihm um. Schnell und gewaltsam wurde er zum Haus geschleift, so sehr er sich auch wehrte, aber auf der Schwelle zum Salon gelang es ihm doch, sich noch einmal kurz umzudrehen.
Seine Mutter hatte sich auf den Rasen gekniet und die Hände vor das Gesicht gelegt, während sein Vater sich auf ein Knie herabgelassen hatte und fassungslos auf das aschgraue Bündel starrte, das zwischen ihm und seiner Frau lag.
Was konnte das sein, und wo war nur das Mädchen geblieben? Es war fort, und da war nur dieses kleine, dürre Etwas auf dem Rasen, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt hatte.
Der Vater sah zum Haus herüber. Rasch stand er auf und versuchte das, was da auf dem Rasen lag, vor dem Blick des Jungen zu verbergen, aber der hatte schon genug gesehen. Es war der völlig ausgedörrt wirkende Körper des kleinen Mädchens, der in seiner grotesk verrenkten Stellung wie eine zerbrochene Mumie wirkte. Das orangerote Bikinihöschen spannte sich immer noch um die grau und faltig gewordenen Hüften. Es leuchtete in der Sonne und sandte ihm ein letztes, höhnisches Signal der Lebensfreude und der Unbeschwertheit hinterher; aber das Letzte, was er mit seinem kurzen Blick wahrnahm, war der kleine, graugesichtige Schädel, um den herum ganze Büschel ausgefallener, schwarzer Haare lagen. Das Gesicht war nach oben gewandt, und es war die Maske des Todes, die da mit blicklosen Augen in den makellos blauen Himmel starrte.

Keuchend wachte er auf.
Früher war er oft schreiend aus seinem Bett hochgefahren, wenn der Traum ihn wieder mal ereilt hatte. aber mittlerweile war er älter und hatte sich fast an den Schrecken gewöhnt. Trotzdem raste sein Herz wie wahnsinnig und er merkte, dass seine Hand zitterte, als er das Deckbett zur Seite schlug und aufstand. Die grünen Leuchtziffern auf dem Wecker zeigten drei Uhr an.
Einige Minuten stand er am offenen Fenster und sah über die Küstenstraße auf das Meer hinaus. Weit draußen konnte er einige Lichter erkennen. Dort, weit vor Port Grimaud, lagen die wirklich großen Yachten auf Reede, die im Hafen niemals Platz gefunden hätten. Wie immer waren auch einige dabei, die Mitgliedern des Alten Bundes gehörten.
Die Unruhe in ihm hatte sich noch nicht gelegt. Er wandte sich vom Fenster ab und zog sich an, um das Hotel zu verlassen. Er musste hinab zum Strand. Nur das Meer konnte die alte Schuld von ihm abwaschen. – Für eine Weile wenigstens.



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Wie auch immer: Viel Lesespaß wünscht - Michael Stuhr

Mittwoch, 18. September 2013

Konfetti


tausend bunte fetzen schweben
wie ein eingefrorner wirbel
vor dem spiegel meiner seele
wenn ich dir von mir erzähle

völlig zerissen, so schillernd und bunt
schweben sie glitzernd und täuschen den blick
würd sie dir so gern als ganzes mal zeigen 
doch ein klares und einfaches bild von mir
krieg ich wohl niemals mehr wieder zurück

tausend bunte fetzen dreh'n sich
lautlos wechseln licht und schatten
schweben schon seit ewigkeiten
zeigen helle, dunkle seiten

völlig zerissen und nicht mehr zu flicken
treiben sie schillernd im scheinwerferlicht
würd' dir mein wahres ich so gerne zeigen 
doch nichts passt zusammen, die risse, sie bleiben
solang', bis der spiegel einmal zerbricht

tausend bunte fetzen schweben
wie ein eingefrorner wirbel
vor dem spiegel meiner seele
wenn ich dir von mir erzähle ...

Ein Internetministerium?

Da höre ich heute im Radio so ganz nebenbei, dass es eine Unterschriftenaktion einer Gruppe gegeben hat, die sich für die Einrichtung eines Bundesministeriums für Internetbelange stark macht. Das finde ich sehr interessant und hätte mich u.U. auch daran beteiligt, aber irgendwie hat diese Aktion es geschafft, von mir bis heute unbemerkt zu bleiben. - Schade!

http://www.moritz-schlarb.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/Petition-Internet-Ministerium.pdf

Normalerweise bin ich ja der Letzte, der sich noch mehr Regulierung des öffentlichen Lebens wünscht. Manchmal kommt es mir so vor, als sei Manches jetzt schon überreguliert, aber das nur am Rande.
In diesem Fall ist es so, dass wir uns alle auf dem berühmten "Neuland" bewegen, und wie es Neuland nun mal an sich hat, wird hier mit einer Einstellung agiert, die der recht ähnlich ist, die einst im Wilden Westen geherrscht hat.
Zurzeit sind unsere Gerichte zunehmend verzweifelt damit beschäftigt, das jetzt schon geltende Recht auf die neuen Medien umzumünzen. Ein ehrenwertes Unterfangen, das aber jetzt schon in den Ansätzen scheitern muss, weil nationale Grenzen im Internet nur noch marginale Bedeutung haben.

Spontan fiel mir der Vergleich zum Verkehrsministerium ein. Den heutigen Betrieb auf den Straßen durch Gesetze aus der Pferdedroschkenzeit managen zu wollen, wäre ja ziemlich undenkbar. Bedenkt man, dass auf dem Daten-Highway ebenfalls täglich Millionen von Nutzern bewegen, wäre es doch wirklich keine schlechte Idee, für diese Menschen Rechtssicherheit zu schaffen. Ob es nun um die "ganz normale" Abzocke, Ausspähung oder Urheberrechtsverletzungen auf internationaler Basis geht, in all diesen Fällen hätte ein eigenes Ministerium, mit den entsprechenden Kontakten, ganz andere Möglichkeiten als die nationalen Gerichte.

Natürlich sehe auch ich die Gefahr, dass ein paar Übereifrige über das Ziel hinausschießen, und dass hier letztendlich eine Überregulierung droht, wie in anderen Bereichen auch; gerade deswegen sollte man aber die Chanche nicht ungenutzt verstreichen lassen, hier gestaltend einzugreifen. Vermeiden lassen wird sich eine weitere Regulierung auf Dauer sowieso nicht, und jetzt liegt es ein Stück weit auch an uns, dass sie wünschenswerte Aspekte abdeckt, effektiv ist und schließlich auch sinnvoll durchgeführt wird - wenn es dann mal so weit kommt.

In diesem Sinne

Frohes Schaffen

Sonntag, 8. September 2013

"Das Mädchen in Weiß"







Er war sich nicht ganz sicher, aber das hier war bestimmt einer der seltsamsten Tage, die er je erlebt hatte. Blöd, dass er sich an absolut nichts erinnerte, was gewesen war, bevor er sich plötzlich in dem nächtlichen Krankenzimmer wiedergefunden hatte. Mittlerweile war es Tag geworden, aber noch immer hatte er nicht die geringste Idee, was eigentlich mit ihm los war.
Seit er hier war, schien er auch keinen Schlaf mehr zu brauchen. Er erinnerte sich daran, die letzte Nacht auf einem Besucherstuhl und am Fenster stehend verbracht zu haben. Es war zuerst sehr unruhig gewesen, das war das Erste, woran er sich erinnerte. Das Klinikpersonal hatte sich um den anderen Patienten gekümmert, der auf dem Zimmer untergebracht war, und es war ihm so vorgekommen, als läge der Mann im Sterben. Seltsamerweise war ihm das völlig egal gewesen. Er hatte kaum etwas davon mitbekommen, die Situation gar nicht richtig erfassen können. – Vielleicht hatte man ihn ja unter Drogen gesetzt.
Was davor gewesen sein könnte, wusste er überhaupt nicht mehr. Es wollte nicht in sein Gedächtnis zurückkehren, so sehr er sich auch anstrengte. Die ganze restliche Nacht hatte er darüber nachgegrübelt, aber nicht das kleinste Zipfelchen seiner Vergangenheit hatte sich finden lassen, an dem er hätte ziehen können, um mehr über sich selbst ans Licht zu bringen.
Gedächtnisstörungen! – Vielleicht war das der Grund, weswegen er hier sein musste. Unwillig sah er zu dem Patienten hinüber, der seit Stunden regungslos in dem Pflegebett lag. Nur das leichte Heben und Senken des Brustkorbs verriet, dass noch Leben in diesem ausgemergelten Körper war.
Gedächtnisstörungen. – Das war doch kein Grund, ihn mit diesem lebenden Leichnam zusammen auf ein Zimmer zu stecken. Er spürte, wie kurz ein schwaches Flämmchen des Ärgers in ihm aufflammte, aber genauso schnell wie es sich entzündet hatte, erlosch es auch wieder. Eigentlich mochte er diesen Burschen sogar, der so still und hilflos sein Leiden erdulden musste. – Ob er wohl spürte, was mit ihm geschah? Man erzählte sich ja die seltsamsten Geschichten von Komapatienten.
Vorsichtig näherte er sich dem Bett und beugte sich ein wenig über seinen Zimmergenossen. - Jung war er. Jung, und sehr schmal und sehr blass. Aschblonde Haare klebten auf der verschwitzten Stirn, und wo sie die Haut berührten, waren sie durch die Feuchtigkeit um einige Nuancen dunkler. Kurz kam der Impuls in ihm hoch, die Haare ein wenig zur Seite zu streichen, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass eine solche, fast zärtliche Geste dem Fremden gegenüber nicht angemessen war.
Er bemerkte ein dünnes Kabel, das unter der Bettdecke hervorkam und in eine Buchse an der Wand eingestöpselt war. – Wahrscheinlich die Verbindung zu irgendeinem Monitor im Schwesternzimmer. Das Tropfgestell am Kopfende des Betts war mit zwei Beuteln bestückt, die mit halb transparenten, trüben Flüssigkeiten gefüllt waren. – Kochsalzlösung? Nährlösung? Schmerzmittel? Er entschied sich, dass es wohl auch ein Schmerzmittel sein musste, was dem armen Kerl da unablässig in die Armvene und den Port auf dem Brustkorb gepumpt wurde, und fast kam so etwas wie Neid in ihm auf. Das war doch nicht der schlechteste Weg, völlig sediert dem Ende entgegenzudämmern. – Unser täglich Dope gib uns heute ... Wenn schon Schläuchemedizin, dann bitte aber auch mit Effekt.
Fruchtlose Gedankenspiele! Er richtete sich auf. Außerdem ziemlich makaber, wenn er sich den Kerl so ansah. - Genesung war da wohl nicht mehr angesagt. Allein der halbgefüllte Urinbeutel, der am Bettrahmen hing, ließ erahnen, dass man den armen Hund noch mehr verschlaucht und verstöpselt hatte als auf den ersten Blick zu erkennen war. Zudem war die Haut von lauter winzigen, schwarzen Pünktchen übersät. – Gewebeeinblutungen? – Jedenfalls kein gutes Zeichen! Wenn ihn nicht alles täuschte, befand sein Zimmergenosse sich im kontrollierten Sinkflug. Materialschwäche und kein Treibstoff mehr. Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann die letzten Systeme versagen würden.
Zeit, sich wieder um sich selbst zu kümmern. Eigentlich ging ihn das alles ja nichts an. Er hatte schließlich ganz andere Sorgen! Er warf noch einen letzten Blick auf das blasse Gesicht, richtete sich wieder auf und setzte sich auf einen Besucherstuhl. - Dieses gigantische Loch in seinem Erinnerungsvermögen war schon bedenklich. Wann hatte man ihn hier eingeliefert, und was war der Auslöser dafür gewesen? Er hatte nicht die geringste Ahnung, wer er war. Das war doch kein Zustand. Bei nächster Gelegenheit würde er eine der Schwestern fragen, was eigentlich mit ihm los war. Vielleicht würde sich ja sogar mal ein Arzt hierher bemühen, der ihm ein paar Auskünfte geben konnte.
Das führte alles zu nichts! Er stand auf und ging zum Fenster. Das Krankenhaus schien direkt an einen Park herangebaut worden zu sein, die Aussicht war jedenfalls entsprechend. Viel zu sehen gab es dort nicht, nur einen breiten Fußweg, der schon nach wenigen Metern im dichten Grün verschwand. Schlagartig bekam er Lust, ein Stück auf diesem Weg zu gehen. Nur raus aus diesem muffigen Zimmer, in dem er nichts Anderes tun konnte, als diesem Typen auf dem Bett beim Sterben zuzusehen. Vielleicht ergab sich ja bald eine Gelegenheit ...
Versonnen schaute er in die grüne Landschaft hinaus, als sich plötzlich ein heller Fleck von der Seite in sein Gesichtsfeld hineinschob. Er schaute genauer hin und erkannte ein Mädchen, das den Weg entlang ging. Das weiße Kleid leuchtete grell in der Sonne, und die weiße Sporttasche, die an einem Gurt über ihrer Schulter hing, pendelte im Takt ihrer Schritte. Sie schien es nicht eilig zu haben. Es war mehr ein Schlendern, so, als sei sie jemandem ein Stück weit vorausgegangen und warte nun darauf, wieder eingeholt zu werden. Er schaute den Weg entlang, soweit das verschlossene Fenster das zuließ. Da war niemand, also konzentrierte er sich wieder auf die einsame Gestalt auf dem Weg, die im hellen Sonnenschein leuchtete, als sei sie halb transparent.
Das Mädchen verlangsamte seine Schritte, blieb stehen, drehte sich um und sah zu ihm hinauf. Natürlich war der Abstand zu groß um sicher zu sagen, wohin ihr Blick wirklich ging, aber er wusste genau, dass er, und nur er gemeint war. Sie musste seine Blicke in ihrem Rücken gespürt haben.
Obwohl er ja nichts Ungehöriges getan hatte, fühlte er sich erwischt, und trat hastig einen Schritt vom Fenster zurück. – Was war das denn jetzt? Er wusste ja, dass es Menschen gab, die sehr feinfühlig reagierten, aber das war ja direkt unheimlich: Nur ein kurzer Blick, kaum mehr als ein flüchtiges Wahrnehmen, wie konnte das eine so starke und zielgerichtete Reaktion bei ihr ausgelöst haben? Und warum hatte er sich vor ihr versteckt? Viel wusste er nicht über sich, aber als besonders schüchtern schätzte er sich eigentlich nicht ein.
Vorsichtig schob er sich erneut an das Fenster heran, und das Mädchen tauchte wieder in seinem Blickfeld auf. Noch immer stand es auf dem Weg und schien auf etwas zu warten. Ihr weißes Kleid leuchtete so hell in der Sonne, dass er die Umrisse des Körpers nur erahnen konnte. Sie schien sehr schlank zu sein, dennoch ging auch eine ausgesprochen weibliche Ausstrahlung von ihr aus. Ihr rotes Haar leuchtete in der Sonne, und er musste es vor sich selbst zugeben: Sie war genau der Typ Frau, der ihn ansprach.
Nach ein paar Sekunden wandte sie den Kopf und sah wieder zu ihm hinauf. Ihr Gesicht war ebenmäßig, und in diesem Moment schwand auch der letzte Zweifel: Da unten stand eine sehr schöne junge Frau auf dem Weg, die aus irgendeinem Grund auf ihn wartete. Kannte sie ihn? Kannte er sie? Er konnte sich nicht erinnern. Woher wusste sie, dass er genau hinter diesem Fenster stand? Der Impuls dieses trostlose Zimmer zu verlassen und einfach zu ihr zu gehen war so stark, dass er die Hand zu einem kurzen Gruß erhob. Auch sie winkte ihm kurz zu und beseitigte damit auch die letzten Zweifel. Er wandte sich vom Fenster ab und ging auf die Tür zu.
Genau in diesem Moment kam ein lang anhaltendes Stöhnen aus der Kehle seines Zimmergenossen und der Kopf bewegte sich krampfartig wie in einer verneinenden Geste hin und her.
Verdammt! – Da hatte er ein ganz und gar unverhofftes Date, und dann das! Ein Gefühl von Verantwortlichkeit ließ seinen Schritt stocken. Schwach nur, aber stark genug, um den armen Kerl auf dem Bett nicht allein zurückzulassen. Es sah ganz so aus, als habe er starke Schmerzen. Was konnte man tun? Unsicher bewegte er sich auf den Alarmknopf zu, aber noch bevor er ihn erreicht hatte, öffnete sich die Tür und eine Schwester kam mit schnellen Schritten herein. Ohne ihn zu beachten, wandte sie sich dem Kranken zu, sah, dass es ihm deutlich schlechter ging und drückte nun ihrerseits die Notfalltaste an der Wand.
Wenig später kam eilig eine Ärztin ins Zimmer, der eine weitere Schwester mit einem kleinen Rollschränkchen folgte, auf dem einige medizinische Geräte bereitlagen. Die Ärztin gab ein paar Anweisungen, und eine der Schwestern zog eine Spritze auf.
Seltsam war, dass er kaum verstehen konnte, was da gesprochen wurde. Mit seinem Gehör war bestimmt alles in Ordnung. Das Öffnen und Schließen der Tür, das Klappern der Instrumente – das bekam er alles mit, nur die Worte kamen bei ihm so schwach und unverständlich an, als werde die Unterhaltung in einem anderen Zimmer geführt.
Die Ärztin und eine der Schwestern kümmerten sich um den armen Kerl im Pflegebett, aber es sah nicht so aus, als würden sie viel ausrichten können. - Hoffnungslos! Er wandte sich wieder dem Fenster zu. Das hier war ihm alles viel zu nah, zu intim. Er fragte sich, warum er nicht aus dem Zimmer geschickt worden war. War das wirklich nötig, dass er miterlebte, wie dieser Typ starb? Eigentlich hätte er das Zimmer unter Protest verlassen sollen, aber etwas Unerklärliches hielt ihn davon ab. Da er unsicher war, wie er reagieren sollte, begnügte er sich damit, sich wieder dem Fenster und dem Park zuzuwenden.
Die junge Frau war noch da und schaute gleich wieder zu ihm hoch. Sie winkelte die Arme leicht vom Körper ab und drehte ihm dabei die Handflächen zu. „Na, was ist?“, schien diese Geste zu sagen. „Kommst du, oder kommst du nicht?“
Wenn es hier schon niemand nötig hatte ihn zu beachten, konnte er seine Freiheit auch ausnutzen und herausbekommen, ob sie wirklich ihn meinte, oder ob er sich doch getäuscht hatte. Er gab dem Mädchen ein zustimmendes Zeichen und verließ mit der Ärztin zusammen den Raum. Sie hatte den Kampf aufgegeben, und ein rascher Seitenblick zeigte ihm, dass der arme Kerl im Bett so tot war, wie ein Mensch nur sein konnte. Na, wenigstens die letzten Minuten hatten sie ihm mit irgendeiner Chemie noch ein wenig leichter machen können.
Das Wort „Sterbezimmer“ kam ihm in den Sinn, als er sich in Richtung Ausgang bewegte, denn an der Tür hatte er das Schild gesehen: Signalrot mit weißen Großbuchstaben und den unvermeidlichen Ausrufungszeichen: ANSTECKUNGSGEFAHR! ZUTRITT NUR IN SCHUTZKLEIDUNG! – aber da drin gab es keine Ansteckungsgefahr. Garantiert nicht! Nur diese letzte barmherzige Lüge, um einen ruhigen Abschied zu ermöglichen. - So weit, so gut, aber warum man auch ihn dort untergebracht hatte ...
Egal! Der Weg durch die langen Flure war erstaunlich leicht zu finden, und schließlich kam er auf dem Weg hinter dem Haus an. „Kenne ich dich?“ Unsicher näherte er sich der jungen Frau.
„Du hast schon von mir gehört“ Sie lächelte ihm freundlich entgegen. „aber du kennst mich nicht wirklich.“
„Du bist sehr schön.“
„Ich habe viele Gesichter, und für dich sehe ich eben so aus.“
Viele Gesichter? - Was meinte sie jetzt damit? Für ihn war sie die schönste Frau, die er je gesehen hatte. „Und warum bist du hier?“
Ein sanftes Lächeln zog sich über ihr Gesicht. „Ich habe dich erwartet. Hast du Lust, den Weg mit mir bis ganz zu Ende zu gehen?“
„Warum nicht?“ Etwas ratlos hob er die Schultern. Woher kennst du mich denn? Warum bist du hier?“
„Um dich abzuholen. – Weil es ein weiter Weg ist, den du alleine nicht schaffen kannst.“ Sie schaute kurz auf die Tasche in ihrer Hand hinab. „Du bist wirklich bereit, all das hier zurückzulassen und mit mir zu kommen?“
„Ja!“ Er nickte leicht. „Klar doch! Was ist da drin?“ Er schaute ebenfalls auf die Tasche.
„Eine Decke“, erklärte das Mädchen ohne zu zögern. „Eine Decke zum Unterlegen. Du musst zu mir kommen. Wir müssen uns vereinigen. Du musst mich ganz und gar annehmen, sonst funktioniert es nicht.“
„Du meinst, wir werden ...“ Er sprach nicht weiter. Es war ganz offensichtlich, was das Mädchen meinte.
„Sicher.“ Das Mädchen lächelte. „Kommst du?“ Sie hielt ihm die Hand hin und er griff danach. Ihre Finger verschränkten sich ineinander, und er spürte ein Wärme und Vertrautheit, wie er sie nicht für möglich gehalten hatte. An ihrer Seite würde es leicht sein, alles hinter sich zu lassen – Ja! Sie würden sich zusammen auf den Weg machen. Er war der Partner ihrer Wahl, und sie war die Frau, der er vertrauen konnte. Alles, was jemals gewesen sein mochte, zählte nicht mehr. Warum auch immer: Er hatte ein sehr gutes Gefühl bei der Sache. Ohne noch einen Moment zu verschenken gingen sie los, hinein in die einladenden Schatten der Bäume.

Die Krankenschwester beeilte sich, den toten Körper zu versorgen. Gleich würden die Pathologiehelfer kommen um den Leichnam abzuholen und dann wollte sie Port und Katheter schon entfernt haben. In gewissem Sinne war sie stolz darauf, ihrem Patienten diesen letzten Dienst erweisen zu können, von ihrer Station war noch niemand einfach so weggebracht worden. Zwar war das eine Arbeit, die sich zu zweit besser erledigen ließ, aber die Station war seit Monaten chronisch unterbesetzt, also hing sie mal wieder alleine darauf fest.
Geübte Griffe machten die Arbeit zwar nicht angenehmer, aber wenigstens leichter. Schon wenige Minuten später stand sie vor dem Waschbecken und betrachtete kritisch ihr Spiegelbild, das ihr bleich und müde entgegensah.
Die Krankenschwester seufzte, und obwohl sie alleine im Raum war, hob sie in einer resignierenden Geste kurz die Schultern.
Das Krankenzimmer war recht geräumig und in hellen Farben gestaltet, aber plötzlich wurde es ihr zu eng zwischen den cremefarbenen Wänden. Mit schnellen Schritten ging sie zum Fenster, stützte die frisch gewaschenen, noch leicht feuchten Hände auf den Marmorsims und starrte hinaus. Viel Trost hatte der hässliche Klinikparkplatz in der grauen Morgendämmerung ja nicht zu bieten, aber über dem kantigen Verwaltungsgebäude war hinter dichten Regenschleiern schon die Silhouette der Stadt zu erahnen und vermittelte einen vagen Eindruck von Weite.
Jetzt war es schon ein wenig besser. Der Druck auf ihren Brustkorb ließ etwas nach, und für einen kleinen Moment sah sie nicht mehr Beton und Asphalt, sondern nahm die Gegend so wahr, wie sie vielleicht früher mal gewesen war: Büsche und Bäume auf denen die heiße Mittagssonne lag, deren Schatten aber milde Kühle versprachen. Ein Fußweg führte in das Grün hinein, und kurz meinte sie sogar ein junges Paar zu erkennen. Ein rothaariges Mädchen und ein aschblonder junger Mann entfernten sich Hand in Hand mit zielstrebigen Schritten vom Haus. Etwas verwirrt schloss die Krankenschwester die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war das Bild verschwunden, und der regennasse Parkplatz zeigte sich wieder in all seiner morgendlichen Hässlichkeit.
- Halluzinationen! Verdammt nah am Burnout, stellte sie still für sich fest. Irgendwann würde sie sich versetzen lassen. Der Dienst in der Palliativabteilung war auf Dauer nichts für sie, aber es war ihr völlig klar, dass sie auch auf den anderen Stationen immer mit dem Sterben zu tun haben würde. Das brachte der Job so mit sich, und der Tod hat nun mal viele Gesichter.